Ein lehrreiches Interview & das Freitagsgebet in Sarajevo

Nach einer viel zu kurzen Nacht ging es in aller Frühe zum nächsten Interview, diesmal mit dem Architekten Amir Vuc Zec in seinem Büro. Gelegen auf den Hügeln von Sarajevo in einer Wohnsiedlung der 80er Jahre hatten wir in einem Termin in seinem sympathisch-chaotischen Studio voller Skizzen, Kunstobjekten und Modellen. Herr Zec ist charakterlich wie optisch ein lebendiger Mann in seinen Fünfzigern. Seine orange Hose, sein schwarzer Hut und seine bunte Brille in gestreifter Regenbogenoptik stechen sofort ins Auge. In der ersten halben Stunde unseres Gesprächs war er nicht davon abzubringen, uns begeistert die technischen Errungenschaft des Ipad zu präsentieren und den damit verbundenen Möglichkeiten des Entwerfens, der Modellierung oder der Bildbearbeitung.

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Skizzenwand im Studio ZEC

In dem 2,5 stündigen Gespräch schweifte der Herr auch bei konkret gestellten Fragen zu unseren Forschungsobjekten in jegliche Richtungen aus. Man merkt, er hat auch eine Professur an der Universität. Wir haben viel Hintergrundinformationen gelernt, jedoch leider nur wenig Konkretes zu unserem Thema erfahren.

Die wichtigsten Erkenntnisse: Die Stadt Sarajevo hat seit dem Krieg bis auf ein Schwimmbad nicht in öffentliches Gut investiert, alle anderen Investitionen sind privat und von starkem Individualismus geprägt. Die Projekte spiegeln die Wünsche der Geldgeber wieder. Es gibt keinen stadtweiten Entwicklungsplan, die einzelnen Stadtteile machen „ihr eigenes Ding.“

Das SCC hat Herr Vuc, als rein grafische Architektur beschrieben, die der Repräsentation dient, kaum Bezug zum städtischen Kontext aufweist und keinen funktionalen Zweck für die Anwohner besitzt, dafür aber enorme Lichtverschmutzung und einen neoliberalen Charakter.

Anschließend machten wir uns erneut auf den Weg zur König-Fahd-Moschee – schließlich ist heute Freitag, der wichtigste Tag in der islamischen Woche. Schon am Weg von der Straßenbahnhaltestelle zur Moschee kommen uns zahlreiche islamisch-konservativ gekleidete Männer entgegen. Vor der Moschee ist reges treiben. Wir nehmen an, dass kurz zuvor das Mittagsgebet geendet hat. Laut der Frau, mit der Christine gestern in der Moschee geredet hat, soll zum Freitagsgebet das Gotteshaus so voll werden, dass für die Frauen auf der Empore ein kleiner Teil mit Holzparavans abgetrennt wird, weil die Männer im Erdgeschoß nicht ausreichend Platz haben.

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König-Fahd-Moschee. Sicht von der östlich verlaufenden Hauptstraße

Zuerst umkreisen wir das Gotteshaus, dabei fällt uns erneut auf, wie uneinsichtig sowie geschlossen der Komplex nach außen ist, hinzu kommt eine starke Empfindung der sozialen Kontrolle. Selbst der Vorhof ist durch mannshohe Mauern von der Außenwelt getrennt, nur durch die Eingangstore kann man einen Einblick erhaschen. Das Gefühl des Vortages, nirgendwo in Sarajevo so viele Überwachungskameras wahrgenommen zu haben, bestätigte sich heute bei genauerer Betrachtung. Ein leicht bedrückendes Gefühl ortsfremd zu sein, sowie beobachtet zu werden wiederholte sich auch bei strahlend blauem Himmel und gleißendem Sonnenlicht. Laut Amir Vuk Zec ist die König-Fahd-Moschee ein Paradebeispiel für ein Stück Totalismus und Kontrolle, sowohl gesellschaftlich als auch architektonisch; es ist ein Zentrum für die streng konservativen Wahhabiten aus der gesamten Region. Diese Eigenschaften sind aus Saudi Arabien importiert und wirken befremdlich im hiesigen gesellschaftlichen Kontext. Bosnische Moscheen im Gegenzug haben die gleichen Größenverhältnisse und Proportionen wie die bosnischen Wohnhäuser osmanischer Tradition bzw. wie die informellen Bauten der Wohnviertel auf den Hügeln der Stadt. Der Charakter ist offen und zugänglich und durch die Fenster kann man immer in das Innere der Gebetsräume sehen.

Die regionale Strahlkraft der Moschee spiegelt   sich auch in unserer Wahrnehmung vor Ort wieder: sowohl englische Sprache als auch kroatische Autokennzeichen fallen uns sofort auf. Ein älterer Mann fängt mit uns auf Deutsch zu reden an. Er habe 13 Jahre in Stuttgart gelebt, seine Frau ist Deutsche.

Als ich (Rafael) dann erneut das innere des Gotteshauses betrete, war die Moschee bereits leer. Einzig ein Mann betete im rechten hinteren Eck. Ein junger Mann, der an einen syrischen Flüchtling erinnert, kommt kurz herein, um sein Telefon aufzuladen. Der Innenraum ist heute lichtdurchflutet.

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