Einkaufen, Shopping, Kupovina & التسوق in Sarajevo!

Der heutige Tag startete mit einem Besuch in der britischen Botschaft. Vergeblich hatten wir versucht mit CRVENA –  einer Aktivistengruppe für den öffentlichen Raum – via Email in Kontakt zu treten, weshalb wir uns entschieden, in aller Frühe persönlich in Ihrem Büro aufzutauchen. Die Adresse hatten wir auf der Homepage gefunden: So standen wir also vor einem umzäunten, stark gesicherten Gebäudekomplex, wo uns jedoch von Passanten versichert wurde, es seien auch private Büros dort zu finden. Am Hintereingang wurden wir anfangs freundlich begrüßt und zum Eingang des Gebäudes geführt, unsicher, ob am richtigen Ort, denn CRVENA kannte bis dato niemand. Kurz vor der Tür erschien jedoch ein sehr gestresst wirkender Anzugträger, der unsere Frage nach CRVENA sofort verneinte und uns sehr deutlich den Weg zum Ausgang zeigte.

Das Tagesziel war die gewählten Lebensbereiche – Einkaufen, Verweilen und Glauben – besser zu verstehen und ein Gefühl für das „typisch bosnische“ zu entwickeln. So haben wir uns ohne festgelegte Route den ganzen Tag durch die Stadt treiben lassen, immer wieder inne haltend, um zu beobachten, zu fotografieren oder anhand von festgelegten Parametern zu analysieren.

Einkaufen: Sarajevo bietet eine große Bandbreite an Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten und wir wagen zu behaupten, sie nahezu vollständig entdeckt zu haben: Angefangen in einem Plattenbauwohngebiet in Novo Sarajevo stießen wir auf ein Einkaufszentrum aus sozialistischen Zeiten: Zwischen 20-geschossigen Punktbauten und 8-geschossigen Zeilen befindet sich das „Shopping Center Grbavica“ eine zumeist eingeschossige Einkaufspassage. Im ersten Augenblick war die Passage von unserer Position kaum als solche zu erkennen, da wenige Werbeschilder vorhanden sind und sie sich inmitten von einer Vielzahl von prachtvoller Bäume und Sträuchern befindet. Der räumliche Kontext ist geprägt durch rechte Winkel und Abstandsgrün im Stil der 60er Jahre.  Dies stellte einen Kontrast zu der im Maßstab deutlich kleiner gehaltenen Passage, die frei im Raum zwischen den Plattenbauten zu schwimmen scheint. Innerhalb der letzten 20 Jahre wurde das Shopping Center immer wieder erweitert:

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So gibt es zwei Dachaufbauten um zwei bzw. drei Geschosse und eine neue Hochglanzfassade mit Leuchtreklame die, einzig den von Osten kommenden Besucher, einlädt einzutreten. Die Geschäftslokale beherbergen Einzelhandel, Dienstleistung und Gastronomie – von Supermarkt bis Pediküre – und gewährleisten die Grundversorgung der AnwohnerInnen. Auffallend die zumeist – ganz im Stile einer modernen Shopping Mall – nach innen orientierten Zugänge. In den Stunden vor Ort waren wir wohl die einzigen Ortsfremden, viele Bosniaken haben uns angesprochen, um unsere Herkunft zu erfragen, uns Tipps für z.B. ein besseres Foto zu geben oder uns Espresso zu schenken. Wir sind schwer beeindruckt von der Offenheit und Gastfreundlichkeit der Leute, die wider Erwarten zum Großteil die englische Sprache in ihren Grundzügen beherrschen.

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Nach einer köstlichen Auswahl besten Böreks ging es weiter in Richtung Zentrum, die großen Shopping Center erwarteten uns. Drei an der Zahl, das Sarajevo City Center (SCC, unser Forschungsobjekt), das Alta-Center, und das Bosna Bank Internatonal Center (BBI), erstes und letzteres mit arabischem Geld gebaut. Alle drei Zentren sind innerhalb der letzten 15 Jahre eröffnet worden, unterscheiden sich jedoch stark. Das SCC ist ein „Hochglanz-Gebäudekomplex“, mit viel verspiegeltem Glas, Stahl und anstrengender Leuchtreklame an der Fassade. Der Innenraum selber ist sehr einfach und übersichtlich aufgebaut. Entlang eines langgezogenen Atriums gliedern sich links und rechts internationale Ketten der mittleren Preisklasse. Die Gestaltung des Innenraumes mit abgehängten schwarz-weiß gemusterten Decken empfanden wir als unruhig, ja sogar unangenehm. Auffallend war die kaum vorhandene Mischung der angesiedelten Geschäfte, der Fokus lag auf eindeutig auf Bekleidung, Parfüms, Schmuck & Souvenirs. Einzig und allein im Untergeschoss fanden sich Geschäfte des täglichen Bedarfs, wie Supermarkt, Drogeriemarkt, Apotheke, Copy-Shop oder Geldautomaten.

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Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt das Alta-Center. Schon in der Außengestaltung des Gebäudes steht es im Kontrast zum „schicken“ SCC: Die Fassade war eine Mischung aus gestrichenen Putz und Glas, welches nicht verspiegelt war und daher den Einblick ermöglichte. Die Atmosphäre im Inneren war deutlich entspannter, das Licht wärmer und die Leute wie die Geschäfte diverser, wenn auch in einem etwas niedrigeren Preisniveau.

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Weiter gen Innenstadt besuchten wir erstmals den Platz der Kinder (siehe Verweilen) und das BBI Center, ebenfalls ein moderner Gebäudekomplex aus Stahl und Glas, in unserem Empfinden jedoch deutlich ansprechender – innen wie außen. Die Materialien waren von hoher Güte, auch die Gebäudekonstruktion aufwendig und verspielt. Der Innenraum zeichnete sich aus durch kleine verhältnismäßig edle Boutiquegeschäfte. Die Atmosphäre war warm und freundlich in Braun- und Pastelltöne gehalten. Die innere Erschließung zeichnete sich aus durch kreative Wegeführung, viele Niveausprünge machten den Gang durch das Einkaufszentrum erlebnisreich, ganz ohne Konsuminteresse.

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Alle drei Zentren sind in der typisch westlichen „Mall-Architektur“ gestaltet, ohne typisch bosnische Elemente, aber auch ohne sichtbaren Einfluss der (arabischen) Investoren.

Nach Einbruch der Dunkelheit besuchten wir die Ferhadija, die Füßgängerzone im Gründerzeitstil, wahrgenommen als klassische Fußgängerzone mit einer breiten Mischung aus zumeist bosnischen Geschäften.

Abschließend erreichten wir die osmanische Altstadt, die wiederrum sehr stark an einen türkischen Basar erinnerte, mit vielen kleinen Fach- und Kunsthandwerkgeschäften.

Verweilen: Auffallend in Sarajevo ist die immense Anzahl an Bäumen und Alleen, die selbst in „tristen“ Gegenden eine immense Aufenthaltsqualität generieren. Hinzu kommt, dass nahezu alle Freiräume als attraktive Grünflächen gestaltet sind. Öffentliche Plätze mit „hartem“ Boden sind kaum vorhanden.

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Der Platz der Kinder vor dem BBI Center ist der Größte im Stadtzentrum. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs gegen Frühabend war der Platz sehr belebt mit einigen Ständen die bosnische Mitbringsel, wie Honig oder Schnitzereien, zum Verkauf anboten.

Ein weiterer Platz ohne Namen und von den großen Straßen nicht einsehbar liegt ebenfalls im östlichen Stadtzentrum: Man kann ihn beschreiben als eine große Freifläche mit sehr breit gefächertem Freizeitangebot u.A. Skaterpark, Spielplatz, Kunst, Eisstockschießen  und einigen geschlossenen Verkaufsbuden. Gegen Frühabend hielten sich dort jedoch nur wenige Menschen auf. Später erfuhren wir, dass dieser Platz „entwickelt“ werden soll und die momentanen Einrichtungen nur Zwischennutzungen sind. Die komplizierte politische Lage erschwert die Konsensbildung und verlangsamt die Stadtentwicklung. So ist in absehbarer Zeit keine Entwicklung zu erwarten.

Glauben: Zu Beginn des Tages entdeckten wir die neugebaute Džamija Ummu Arif Zabadne Moschee unweit des Shopping Center Grbavica. Zwischen hohen sozialistischen Bauten und einer zweigeschossigen Schule „quetschte“ sich die Moschee. Die Türen waren versperrt, bis einige Minuten vor dem Mittagsgebet und die wenigen Leute hielten sich auf dem Vorplatz auf. Das moderne Moscheegebäude war schlicht gehalten, aber dennoch als „bosnischer“ Bau erkenntlich, aufgrund mitteleuropäischen Isolierglasfenstern und einer Mauer aus lokalen Fertigbetonteilen.

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