Wilde Wände – eine kleine Kursänderung nach Novi Pazar

bottle.post#2Kunst im öffentlichen Raum – Flaschen.Post #2

Der Polizist hat sich ehrerbietungswürdig vor dem Fahrerfenster aufgebaut und deutet Anselm mit reichlich Gestus an, den Gurt anzulegen. Mit zehntausend Dinar wird in Serbein ein solches Vergehen geahndet. Glücklicherweise redet Vladimir dem Mann nach und nach gut zu, Ministry of Culture und  Expedition sind wohl die Worte, die Ihn dazu bewegen, uns mit einer Handbewegung irgendwo zwischen abfällig und billigend, in die Freiheit zu entlassen. Wenigstens in Serbien werden wir uns von jetzt an anschnallen. Wir fahren nach Novi Pazar, eine Stadt an der Grenze zum Kosovo, die vor allem durch ihre hochwertige Jeansindustrie bekannt ist. Ende des 20. Jahrhunderts wurden hier Fälschungen einer italienischen Jeansmarke angefertigt, bis die Firma darauf aufmerksam wurde, die Qualität der Jeansproduktion als sehr gut einstufte und prompt das eigene Siegel erließ. Die Stadt nennen sie insgeheim Mailand des Ostens.  Ein großes Sehen und Gesehen werden in den Straßen, ein beliebter Ort für große Hochzeiten und mit der wahrscheinlich höchsten Daimlerdichte Osteuropas.

Wir trafen Johannes und Vladimir bei einer Vernissage in der Galerija Ostavinska in Savamala. Johannes Mundinger ist Künstler aus Berlin, der mit seiner brandwandschmückenden Kunst den öffentlichen Raum in vielen Städten der Welt bereits einen neuen Charme verliehen hat. Vladimir Palinrk ist Organisator und Kurator des Kunstprojektes Street Art Residencies, in dem verschiedenen Künstler den Öffentlichen Raum Novi Pazars gestalten, gefördert durch das Kultusministerium Serbien und dem Institut Francais.

IMG_0405Bild: Johannes Mundiger mit Blick auf sein Werk

Tag zwei an dem wir helfen die Wand des Jugendkulturzentrums zu bemalen. Unser Schiff steht in erster Reihe, bietet Unterschlupf bei Regen und  in der Kombüse wird groß für alle gekocht. Die Leute bleiben interessiert stehen, deutlich mehr Gespräche werden in Deutsch als in Englisch geführt. „Die Hälfte der Personen hier leben in Deutschland, nur im Sommer kommen sie nach Hause.“  „Ich bin Bosniake, geboren und aufgewachsen in Offenbach, doch hier ist meine Heimat“ erzählt Edis, Bauingenieursstudent der für eine Hochzeit hergekommen ist.

Vlad ist ein wahres Organisationstalent, sobald etwas benötigt wird, führt er ein paar Telefonate mit seinem Uralthandy und kurze Zeit später treffen Arbeiter zum Gerüstbau ein, oder kommt des nächtens ein Mann mit Flutlicht, um uns das Weitermalen bis in die späte Stunde zu ermöglichen. Ein befreundeter Architekt klärt uns über die historischen Bauweisen Novi Pazars auf.

IMG_0385 entzerrtBrutalistische Zeile im Zentrum mit informellen Anbauten

Das Thema der Informalität kommt auf, bei einem Spaziergang stoßen uns nachträglich errichtete Anbauten in vielen Variationen ins Auge. Im Zentrum fasst eine aus Waschbeton erbaute Wohnzeile den öffentlichen Raum. Gleich daneben in der Fußgängerzone zeigen Bildtafeln Portraits der besten Schulabgänger. Man klärt uns auf, dass es sich dabei um eine Jahrhundert alte Tradition handelt, die heute unter Jugendlichen verrufen ist.

IMG_0374Portraits der besten Schulabgänger in der Fußgängerzone

In der Stadt treffen wir vielerorts auf strukturelle Hinterlassenschaften des Osmanischen Reichs, kleinteillige Einzelhandelsgeschäfte und Moscheen in engen Seitengassen werden von repräsentativen Hauptachsen und großzügigen, brutalistischen Wohngebilden der 1960er Jahre kontrastiert. Das Leben findet draußen und auf den informellen Märkten am Rande des Zentrums statt. Überall sind gut besuchte kleine Geschäfte und Cafés.

IMG_0372Zwei Herren auf der Bank trotz Nieselregen im Hintergrund historische Bauten

Am Abend ankert unser Schiff in einer Nebenstraße, unter den wachenden Augen von Vlads Tante.

IMG_0357eine informell errichtete Garage, abgeschleppt werden Falschparker hier anscheinend trotzdem

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