[Tag 5] Geschichten rund um den Damm

Der fünfte Tag unseres Aufenthalts beginnt ruhiger als die Vorherigen. Ausgeschlafen und wieder voller Energie machen wir uns auf den Weg zu Costel. Wir sind zum Café verabredet. Das Unwetter der letzten Nacht hat sich verzogen, trotz schlechter Wetterprognosen knallt uns schon wieder die Sonne auf den Kopf, während wir auf dem Weg sind.

Zu Besuch bei Costel

Im Halbschatten sitzend erwartet uns Costel bereits. Ein reich gedeckter Tisch voll Obst und kühlen Getränken steht bereit. Ein wenig später folgt türkischer Café, dann Costels eigener Zwetschgenschnaps.

“Sănătate!” – Prost auf Rumänisch!

Costel ist unser Erster und bis dahin einziger Anrainer des Naturparks mit dem wir ins Gespräch kommen. Daher haben wir jede menge Fragen an den 63 Jährigen Rentner.

Zufahrt zu Costels Anwesen
Zufahrt zu Costels Anwesen

Seit zehn Jahren wohnt er nun schon hier. Probleme, obwohl er weder über Strom noch fließend Wasser verfügt, hat er hier nie gehabt. Außer mit Langfingern, aber die sind in den letzten Jahren auch immer weniger geworden. Er lebt autark. Sein Nachbar besitzt Ziegen, Enten und Gänse. Costel hingegen Obstbäume und eine Destillation. Man hilft sich, erfahren wir…

Nach dem sehr offenen Beginn der Unterhaltung lenken wir das Gespräch in Richtung Naturpark. Zu gerne hätten wir ihn einfach Reden lassen, aber seine Meinung zum Park der an sein Grundstück grenzt interessiert uns natürlich auch. Wir wollen wissen, wie er die Arbeit der Asociația Parcul Natural Văcărești (APNV) beurteilt, welche Vorstellungen er zur Zukunft des Naturparks hat und ob ihm die heute angerollte Betoniermaschine, die nur gut 100 Meter von seinem Grundstück entfernt in die Höhe ragt, beunruhigt.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Sichtlich wohl fühlen wir uns bei Costel. Die einfache, naturverbundene Lebensweise und freundliche Art, sorgt dafür, dass uns der Aufbruch nicht leicht fällt.
Doch wir wollen noch weiter.

Den Randbereich, den auch Costel bewohnt, wollen wir genauer unter die Lupe nehmen. Gestärkt brechen wir auf in Richtung Sun Plaza. Wir wollen herausfinden wie die Shoppingmall mit dem sich vor der Haustür befindenden Vacaresti Naturpark umgeht und werden enttäuscht. Es besteht keine Verbindung, der “offizielle” Zugang: eine Lücke im Zaun.

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Nicht gerade schön sieht es hier aus. Der südliche Teil des Naturparks ist besonders schmutzig.

Blick in Richtung Süden
Blick in Richtung Süden
Südhang
Südhang

Ein Stück weiter treffen wir auf eine Romafamilie, die sich unterhalb eines Sendemasten sesshaft gemacht hat. Wir begrüßen alle freundlich, doch stoßen auf eine verschlossene bis abwertend-aggressive Haltung. Wir gehen weiter…

Kurz darauf treffen wir auf einen weiteren Roma. Er heißt Vasile. Wir vertiefen uns in ein Gespräch. Fünfzehn Jahre hat er in dem Park mit seiner Familie gelebt, dort gefischt, gejagt und geerntet. Der Park ist seine Heimat. Als der Park zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, war er gezwungen den Park zu verlassen.

Vasile
Vasile

Weiter gehts… entlang eines Wellblechzauns kommen wir an Ein- und Mehrfamilienhäusern vorbei. Teils schön hergerichtet, teils schäbig, teils unfertig. Ein einheitliches Bild wird hier nicht vermittelt.

Am Wegrand pflückt ein Mann Beeren. Sein Fahrrad liegt neben ihm am Boden. Wir sind neugierig und sprechen ihn an. Der Herr nennt sich Mihai B. und kann eine tiefe Verbindung mit dem Vacaresti Naturpark vorweisen. Er war bei der Errichtung des Dammes beteiligt. Er kennt die Gegend bereits seit kommunistischer Zeit. Seine Meinung dazu ist recht sachlich: “Da gab es keine Disskusionen.”

Mihai B.
Mihai B.

Mihai besteht darauf, dass wir seine Himbeeren probieren. Es wäre unhöflich sie abzulehnen, überstetz uns Richard. Am Markt neben dem Sun Plaza verkaufen sie ein Glas Himbeeren, wie Mihai es in der Hand hält, für fünf Lei, erzählt er uns. Er pflückt diese allerdings nur für sich selbst um vișinată, einen Beerenlikör, daraus anzufertigen.

Von Mihai erfahren wir außerdem, dass der Damm während der Errichtung sabotiert worden sei. Ob diese Aussage der Wahrheit entsprich, kann nicht überprüft werden. Wer dafür verantwortlich war, möchte oder kann er uns jedoch auch nicht sagen.

Aufziehende Regenwolken verleiten uns zum Aufbruch. Gut zwei Drittel der erneuten Umrundung stehen noch bevor. Wir halten Ausschau nach Zugängen. Auf welchen Wegen kommt man überhaupt in den Naturpark. Neben ein paar wenigen offiziellen Zugängen entdecken wir Trampelpfade und provisorische Konstruktionen.

Südöstlicher EIngang an der Strada Savinesti
Südöstlicher Eingang an der Strada Săvinești

Die Spuren weisen darauf hin, dass die Zugänglichkeit zum Gelände vielfach gesucht wird. Viele Trampelpfade säumen die Straße am RIN Grand Hotel.

Zugang östlich entlang der Straße am Rin Hotel
Zugang östlich entlang der Straße am RIN Grand Hotel
Nördlicher Zugang von der Splaia Unirii
Nördlicher Zugang vom Splaiul Unirii

Verteilt bewegen wir uns auf dem Dammhügel und stoßen auf die hydrotechnischen Zu- und Abflussanlagen. Roman und Max entdecken den Zufluss unterhalb des Dammes, der mit einem Falltor blockiert werden konnte. Richard ruft uns von oben zu sich. Dort befindet sich der Sicherheitsabfluss. Das kann man sich vorstellen, wie einen Überlauf bei einem Waschbecken. Wir staunen nicht schlecht über die gut 10 Meter tiefen Belüftungs- und Zugangsschächte die sich vor uns befinden.

Schiene des Falltors
Schiene des Falltors
Abfluss unterhalb des Dammes
Abfluss unterhalb des Dammes
Überlauf
Überlauf
Überlauf Entwässerung in den Dambovita
Überlauf Entwässerung in den Fluss Dâmbovița

Wir gehen weiter.. Das Erscheinungsbild und die Nähe zu den Wasserflächen von der östlichen Seite aus gesehen sind atemberaubend.

Idyllische Wasserflächen

Abendstimmung
Abendstimmung

Zurück in unserem Forschungszentrum genießen wir die Abendstimmung aus der dreizehnten Etage und lassen das Erlebte Revue passieren.

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