Tag 4: Das Überwinden des negativen Narratives der Geschichte

Bei unserem Interview mit Mirsad Avdić, dem Direktor des Museums Sarajevo, sprachen wir eingangs über die Subzentren Sarajevos, welches sich entlang einer Stadtlinie auffädeln und in ihrer Architektur und ihrer Stadtplanung die unterschiedlichen Epochen repräsentieren: Osmanisches Reich, Österreichisch-ungarische Periode, jugoslawisches Königreich (obwohl in dieser Zeit wenig gebaut wurde) Sozialismus und die modernen Bauten der Nachkriegszeit. Wir sprachen mit ihm vor allem über die menschlichen Beziehungen und den Lifestyle in Sarajevo. Er ist besonders stolz auf die Multikulturalität Sarajevos, welche sich laut ihm vor allem in den diversen Religionsbauten manifestiert.

In den 1880er Jahren wurden die Vororte mit vielen kleinen maroden Moscheen zerstört um Platz für die österreichisch-ungarische Gebäude zu schaffen. An diesem Punkt kann von der ersten Stadtplanung in Sarajevo gesprochen werde. Gleichzeitig gab es eine Elite in Sarajevo, welche eine gewissen architektonische Individualität in Sarajevo schaffen wollte um sich von den parallel wachsenden Städten wie Wien, Prag oder Paris abzuheben. Der bekannteste Vertreter dieser Elite war Josip Vancaš, welcher die Chance sah, einen neuen, für Bosnien einzigartigen Stil zu schaffen, eine Mischung aus pseudomaurischem Stil und dem Sezessionsstil.

,,Wenn ihr, die Architekten, die lokale Volkskunst noch immer vernachlässigt und andere Stile schätzt, wird es nicht mehr interessant sein, die Welt zu bereisen, weil eine Stadt der anderen gleichen wird.” Quelle: Josip Vancaš, Bosansko narodno graditeljstvo, „Tehnički list“ 24.X, Zagreb, 31. XII 1928.

Aufgrund des 15 Jahre anhaltenden Baubooms in den Anfängen des Sozialismus mussten Unterkünfte für 10.0000 ArbeiterInnen geschaffen werden, welche aufgrund der grossen Landflucht und des Zeitdrucks eine schlechte Bauqualität haben. Noch heute zeugen die Baracken an den Westhängen Sarajevos davon.

Die Industrialisierung brachte nicht nur die Motorisierung der Stadt mit sich, jedoch gibt es  aufgrund dieser das aktuelle Problem des ungleich verteilten Platz zwischen Fussgängern und Autofahrern. Aufgrund der hohen Konzentration von TouristInnen und EinwohnerInnen in der einzigen Straße für die FußgängerInnen kam der Vorschlag von Mirsad, mehr Fußgängerzonen in der Stadt zu bauen, sowie die Strassenbahngleise zu modernisieren. Was Mirsad noch stark betont hat, war, dass de meisten Sarajlije nicht möchten, dass ihre Stadt für die Olympischen Spiele, den Krieg und den Attentat von Franz Ferdinand berühmt ist, sondern für die erste Medrese, für die erste Königin Jelena Gruba, und die früh entstandene Kanalisation und Wasserwerke.

Um den urbanen Diskurs über die Belagerung auf das Positive zu lenken, möchten wir noch einmal explizit auf die Veränderungen des urbanen Raums seit dem Krieg eingehen. Wir werden mehrere ausgewählte Gebieten (ca. 250 x 250 Meter) auf unterschiedliche Kriterien untersuchen bzw. die Eigenschaften dieser Gebiete mappen. Die Zonen haben gemeinsam, dass sie Schauplätze und Tatorte während der Belagerung waren und an der durch unterschiedliche Vierteln führenden Zmaja od Bosne/ Maršala Tita liegen. So können wir sicherstellen, dass wir einerseits eine gewisse urbane Diversität unter den examinierten Gebieten haben und dass die Gebiete immer einen Zentrumsbezug haben.

Da wir in den letzten Tagen auch feststellen mussten, dass der aktuelle Konflikt in der Stadt, welcher den öffentlichen Raum (ÖR) bedroht, die Kommerzialisierung dieses darstellt, werden wir unseren Fokus auf öffentlich zugängliche, nicht kommerzielle, autofreie Aussenräume legen. Beim Mappen wollen wir uns auf gewissen positive Konnotationen im ÖR konzentrieren (Multikulturalität, Partizipation, Aufenthaltsqualität,… ) jedoch auch die andauernden negativen Konnotationen – Erinnerungen an die Belagerung – auch nicht unter den Tisch fallen lassen. (Bewahrung von zerstörten Bauten, Überwachung des ÖR, Zerstörung,..)

Wir möchten mit dieser Untersuchung zeigen, dass die BewohnerInnen Sarajevos genug über Krieg, Gewalt und Belagerung gehört haben und dass die Stadt mehr als Kriegstourismus bieten kann.

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