Saveufer – Investoren und Nachbarschaft

#7investorengetriebene Stadtentwicklung – Flaschen.Post #7

Wir treffen Ljuba, unsere Begegnung der ersten Tage auf einer schwimmenden Hausbootbar. Im Verlauf unserer Expedition haben wir erfahren, dass sich die Informalität in vielen Facetten und Spielarten im täglichen Leben der Belgrader bemerkbar macht. Zusammen mit ihr und ihrem Boot befahren wir den öffentlichen Raum der Save. Das Waterfront Projekt der Eagle Hills Group aus Abu Dhabi ist seit 2012 ein viel diskutiertes Thema in Belgrad. Innerhalb eines wenig erschlossenen Gebietes im Herzen der Stadt, wird es die Ufersilhouette und die Rezeption des bisher alternativkulturell geprägten Bezirks Savamala nachhaltig verändern. Geplant sind unter anderem ein Büroturm, ein Fünfsternehotel, verschiedene Luxusapartments und die „größte Shoppingmall des Balkans“. Von unserem Boot aus ziehen die bereits fertiggestellten und verkauften Wohntürme langsam vorbei. Ljuba berichtet, dass entgegen des serbischen Gesetzes kein offizieller Architekturwettbewerb für das Projekt durchgeführt worden sei, von den Entwicklern hingegen heißt es, man habe sehr wohl einen solchen Wettbewerb veranstaltet, jedoch in Abu Dhabi. Die, für den „Gewinnerentwurf“ verantwortlichen Architekten, sind jedenfalls bis heute nicht bekannt. Auch wurde auf jede Form von Partizipation verzichtet und Ljuba berichtet uns von einem Vorfall, in dem maskierte Männer während einer Nacht Handys konfiszierten, mit Bulldozern informelle Gebäude am Saveufer beseitigten und die Polizei in dieser Nacht angeblich keine Anrufe entgegennahm. Für uns klingen solche Geschichten unvorstellbar. Die Architekturakademie von Serbien warnte in einem offenen Schreiben bereits die serbische Regierung:“ Belgrade Waterfront ist ein großer Fehler und keine der später angewandten Korrekturen, wird etwas an den benötigten technischen Standards und dem verschenkten Potential des Ortes ändern.“ Und „Der Entwurf ist unansehnlich, aus professioneller Sicht absolut inakzeptabel und nicht korrigierbar.“ Durch das Beugen und anpassen vieler Gesetze im Falle von Belgrade Waterfront hatte auch Miodrag von einem besonders krassen Fall von informellen Vorgehen der Regierung gesprochen. IMG_1004 IMG_1148 IMG_1040

IMG_1102Architektur ohne Architekten? – Hausboote auf der Save

Wir lassen die Waterfront hinter uns und nehmen Kurs entgegen der Strömung.  Südlich befindet sich die Ada Ciganlija. Die Insel ist einer der wichtigsten Erholungs- und Grünräume Belgrads. Sie erinnert uns an die Donauinsel in Wien, tausende Stadtbewohner zieht es an heißen Sommertagen für unterschiedliche Freizeitaktivitäten auf die Grünflächen und den Badestrand der Insel. Entlang des Ufers auf der Neu-Belgrader Seite reihen sich seit den Fünfzigerjahren private Wochenendhausboote dicht aneinander. Diese erinnern mich an den Schrebergarten meiner Großeltern im damaligen Ostdeutschland und erzählen von einem Relikt sozialistischer Freizeitkultur. Kein Boot ähnelt dem anderen, es wirkt so, als gäbe es einen inoffiziellen Wettstreit um Individualität unter den Hausbootbesitzern. Kleine selbst entworfene Hütten reihen sich an luxuriöse, dreigeschossige Einfamilienhäuser mit Pool, Flachbildfernsehr und elektronischen Jalousien. Die wenigen Regulierungen zeugen von Möglichkeiten und vielfältigen bauliche Ausprägungen, die so bei uns nicht denkbar sind. „Sobald man einen genehmigten Liegeplatz hat darf man bauen, ohne Bauvorschriften beachten zu müssen.“ teilt Ljuba mit.

Die Insel selbst wird von einer gut organisierten, teilweise unabhängigen Inselverwaltung kontrolliert und gepflegt. Lediglich das Parken kostet 2€ pro Tag, der Eintritt ist frei. Sämtliche Hausboote sind bewilligt und registriert. Trotzdem findet man auch auf dieser Insel ursprünglich illegal entstandene Strukturen. „Es scheint, als wirken hier formelle und informelle Energien im konfliktfreiem Ausgleich. Die Insel zeichnet sich denn auch durch eine große Beliebtheit bei den Belgrader Stadtbewohnern und einer vergleichsweise beobachteten Stabilität aus.“ ( formal- informal ETH Studio Basel)

 

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