Padina – Mauern und Brachen

Flaschen.Post #5

 Aneignung des Straßenraumes für die Öffentlichkeit – Flaschen.Post #5

Bei unseren vorangegangenen Recherchen wurde Padina als homogenes Quartier einer gesellschaftlich einflussreichen Oberschicht beschrieben. Bauunternehmer, Politiker und Geschäftsleute mit Wohlstand zweifelhafter Herkunft kumulierten in Padina und nutzten die Wirren der Kriegsjahre, um ihrerseits großflächig Wohnraum zu schaffen. „Die weißen Säulen von Padina“ wurden zur geflügelten Umschreibung einer hochwertigen Bauweise, die die pittoresken Villen hinter ebenso repräsentativen Mauern und Toren bezeichnet. In der Publikation „Formal Informal“ aus dem Jahre 2011 wird Padina als im Wandel beschreiben. Die Autoren prophezeien, dass durch weiteren Zuzug die Homogenität einer Belgrader Oberschicht zusehends aufgelöst wird, wie wir durch unsere Beobachtungen durchaus bestätigen konnten.

Padina ist durch die bogenförmige Hauptstraße Svetorzara Radojcica abgegrenzt, von der kleinere Straßen auf den Hügel ins Gebiet führen. Wir sind überrascht, viele, eng aneinander stehende, Geschosswohnbauten vorzufinden. Vereinzelt tauchen Einfamilienhäuser auf, die sich in ihrer Bauform von denen in Kaluđerica kaum unterscheiden. Die erwarteten pittoresken Villen mit Marmorsäulen, sind zunächst nicht auffindbar. Die Kleinteiligkeit des Gebiets, die engen Straßen, bewegen uns dazu, das Schiff zunächst hinter uns zu lassen.

IMG_0677verwilderte Brache

Dichte Bauweisen treffen auf die ein oder andere stark verwachsene und mit Wildblumen übersäte Brache, die aus unserer Planerperspektive geradezu nach einer gemeinschaftlichen Bespielung verlangt. Doch auch hier scheint sich das Leben eher im privaten Bereich abzuspielen. Am höchsten Punkt angekommen genießen wir den Blick über Belgrad.

IMG_0710im Gespräch mit Anwohnern

Ein junger Mann kommt uns mit Einkaufstüten entgegen. Als er erfährt, dass wir aus Wien kommen, lädt er uns zu sich ein, seine Schwester die in München wohnt ist zu Besuch. Er wohnt gleich in der Nähe in einem der in den letzten fünf Jahren entstandenen Geschosswohnungsbauten. Im Vordergrund befindet sich ein riesiger Parkplatz mit Schranke, auf der Nachbarsbrache stehen bunte Bienenstöcke im Schatten einer Hecke. Einen Gemeinschaftsgarten gibt es hingegen nicht, wie die Schwester uns aus dem Balkon im ersten Obergeschoss mitteilt. „Mit Freunden treffe ich mich meistens draußen, aber nicht hier in Padina, eher im Stadtzentrum oder am Fluss im Sommer.“ „Die öffentliche Verbindung ist sehr gut, wie in München. Der Bus kommt bis hier ins Gebiet.“ Ob das Eigentums-Gebäude informell geplant und umgesetzt wurde können sie nicht beantworten. Aus dem längeren Gespräch geht hervor, dass es keine gestalteten Plätze gibt. In einigen Garagen oder Erdgeschosszonen von Wohnhäusern sind Fachmärkte entstanden. Ansonsten sind Supermärkte und die Restaurants an der unteren Hauptstraße die einzigen konsumbedingten Treffpunkte. Die Nachbarschaft im Haus ist sehr gut und auch auf der Straße bleibt man stehen und unterhält sich. Sie raten uns die Straße weiter hinunterzulaufen. Wir verabschieden uns. „Falls ihr noch Fragen habt klingelt einfach unten links beim Schild ohne Namen“

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Haushaltswarengeschäft in einer umgenutzten Garage

Wir beschließen zu Fuß weiter zu gehen, um mit Personen ins Gespräch zu kommen. Ein kleines Haushaltswarengeschäft in der Garage eines Wohnahauses belebt die Erdgeschosszone.

IMG_0695Telefonmast und Stromleitungen

IMG_0715angebauter Verkaufsstand

Einige Meter weiter befindet sich ein Getränkemarkt im informellen Charakter eines provisorisch wirkenden Anbaus aus Holzplatten und Werbeplanen. Der “Balkon“ im ersten Obergeschoss ist besorgniserregend dünn und ohne Gelände, wie man es oft in Padina sieht. An vielen Telefonmasten hängen. Die Straße weiter reihen sich andersartige, wild wirkenden Geschosswohnbauten und Einfamilienhäuser im fertigen und unfertigen Zustand dicht aneinander. Das Gebiet wirkt durch die wechselnden Geschosshöhen,Gebäudevolumen und diverser Anstriche heterogener als Kaluđerica. Jemand hat die Vorzone seiner Werkstatt mit Gartenpflanzen, einem schattenspendenden Dach und Autositzen drapiert, hier finden wir ein anschauliches Beispiel für die Aneignung des öffentlichen Raumes, wobei die Grenzen zwischen Öffentlich und Privat diffus verlaufen.

IMG_0749eine zentrale ungenutzte Grünfläche, eine Frau deutet angeregt auf umliegende Bauten (nicht im Bild)

Mit BOY ankern wir weiter bergaufwärts im Zentrum Padinas. Unsere öffentlichkeitswirksame Bemalung erfüllt ihren Zweck. Menschen drehen sich nach uns um und grüßen, eine Frau bleibt stehen und berichtet, dass das Haus gegenüber erst vor drei Monaten fertiggestellt wurde, die restlichen Gebäude im Umfeld entstanden im letzten Jahr. Sie selbst wohne in einem informellen Gebäude, welches sich seit einem Jahr im Legalisierungsprozess befindet. Im Zentrum des Quartiers befindet sich eine große Brachfläche, gänzlich ungenutzt. Die Frau erzählt von der überlasteten, nachträglich gebauten Kanalisation, deren Inhalt bei Starkregen durch die Gullys drückt.

IMG_0765IMG_0771the wild rich, informelle Villen aus den 90ern

Nun machen wir uns auf die Suche nach den „Wild Rich“, laut Iva Cukic handelt es sich dabei hauptsächlich um „War Criminals“ deren Behausungen versteckt hinter hohen Mauern in den Sackgassen zu finden sind. Schon dieses Straßennetz unterstützt die Abgeschiedenheit der Villen, viele Kameras beobachten den öffentlichen Raum, beim Fotografieren werden wir selbst hingegen argwöhnisch beäugt. Hohe Mauern schützen die zu erahnenden Villen vor den neugierigen Blicken der Passanten.

Kaluđerica und Padina sind zwei Siedlungen, die ihren baulichen Bestand zum Großteil den informellen Bautätigkeiten der 90er Jahre zu verdanken haben, artikulieren sich in ihrer Ausprägung zum öffentlichen Raum jedoch deutlich verschieden. Während Kaluđerica durch die ausgeprägte Homogenität der Bauten Identifikationsmerkmale des Einzelnen vermissen lässt, deutet sich in den mittlerweile variierenden Bauten Padinas eine unerwartete Vielschichtigkeit an.

In Padina wird anhaltend viel Gebaut, ganze Straßenzüge entlang des oberen Hügels sind in den letzten Jahren entstanden, ob dies nun informell geschieht können wir nur erahnen. Laut Experteninterviews gibt es viele Schlupflöcher um sein Haus noch immer illegal zu errichten und im Nachhinein lagalisieren zu lassen. Auch die vielen Geometaranzeigen für Legalisiserungsgutachten lassen darauf schließen. Zwische den Bauten befinden sich einzelne Brachen, ob diese in Zukunft gestaltet, bebaut oder der Natur überlassen werden, können wir nur mutmaßen.

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