Kararburma- gestaltete Grünflächen zwischen „Pilzhäusern“

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 eine nicht unvollendete Mushroom-Extension neben einer Fertiggestellten, davor ein “Parkweg” – Flaschen.Post #8

Karaburma ist der letzte Wild City Ort, den wir ansteuern. Das Wohngebiet liegt zentrumsnah und unweit der Donau. Es unterscheidet sich von den bereits untersuchten Gebieten und gibt uns deswegen wichtige neue Erkenntnis über die Gestaltung des öffentlichen Raumes.

Bei einem Spaziergang stoßen wir auf eine balkanisierte Stadtvilla. Sie wirkt wie ein Fremdkörper neben den eng stehenden 2+4 geschossigen Häusern. Den informellen Charakter hat das städtische Gebiet erst Mitte der 90er erfahren, als bestehende Architekturen mit Erweiterungsbauten aufgestockt wurden. Die typischen Pilzhäuser- „Haus auf Haus-Bauten“ entstanden mit dem Erlass des Gesetzes über Gebäudeinstandhaltung. „Das Gesetz erlaubt es privaten Investoren, im Gegenzug zur Renovierung von Fassaden, Aufzügen oder Gemeinschaftsräumen, auf bestehende Gebäude weitere Räumlichkeiten auszuweisen.“ (formal,informal ETH Studio Basel)

IMG_1194Pilzhäuser ragen in den Straßenraum

Das Gebäudevolumen der so entstandene „Pilzköpfe“ übertrifft vielerorts die Dimension der bestehenden Gebäude. Sie ragen in die für drei Geschosse geplante Straße und verleihen dem Gebiet eine sprunghafte Dichte. Sofort fällt uns neben der informellen Architektur die formelle Straßengestaltung auf. Das historisch gewachsene Gebiet lässt eine klare Planung der öffentlichen Räume ablesen. Gehwege sind meist vorhanden, werden allerdings oft als „Parkwege“ genutzt. Pkws stehen auf Gehwegen und Fußgänger weichen auf die Straßen aus. Die Aufbauten wurden unterschiedlich errichtet, die Tragwerkstrukturen den bestehenden Bewohnern vor die Fenster gesetzt und die Auskragungen über die Baugrenze in den öffentlichen Raum vorgelegt.

IMG_1199Quartiersplatz mit Café

Wir ankern an einem hochfrequentierten Platz. Eine auf der Parkbank sitzende Dame erklärt uns, dass es den Park schon lange gibt. „Der Platz ist meist gut besucht, im gesamten Gebiet gibt es viele schöne Grünflächen.“ Wir gehen weiter, eine Frau lauscht unserem Gespräch und bleibt stehen. Sie hat 40 Jahre in Deutschland gelebt. „Im Sommer werden die Straßen im Gebiet gebaut, es dauert hier unglaublich lang bis überhaupt etwas von der öffentlichen Hand gestaltet und umgesetzt wird.“

IMG_1214vor einem Monat eröffneter Spielplatz

In einem Hang, angrenzend am Bürgersteig, liegt zwischen den Wohnhäusern ein neuer Spielplatz auf Tartanuntergrund. Zwei Mütter, die sich hier kennengelernt haben erzählen von den Grünflächen im Gebiet. Morgens spielen wohl um die 30 Kinder hier zusammen auf dem wenige Wochen alten Spielplatz.

IMG_1163Quartiersplatz mit Pilzhaus im Hintergrund

Wir fahren mit BOY durch das Gebiet, neben großzügig gestalteten Schulhöfen entdecken wir mitten im Wohngebiet einen weiteren Quartiersplatz in blau und roten Farben gestaltet. Nicht nur die Spielgeräte auch das informelle Graffiti an den Wänden ist in den selben Farbtönen gehalten.

IMG_1235geduldeter informeller Markt im öffentlichen Raum, Bulevar kralja Aleksandra

Am Ende besuchen wir den temporär informellen Markt am Zvezdara Pijaca, eine mittlerweile etablierte Veranstaltung im öffentlichen Leben Belgrads. Auf den Grünflächen um das reguläre Marktgebäude lagern sich täglich viele Händler an, die Ihre Waren informell an die Passanten veräußern.

Auf unseren Pfaden haben wir in den letzten zwei Wochen viele spannende Persönlichkeiten getroffen. Ihre Geschichten haben uns für die Entwicklung Belgrads sensibilisiert und uns die Hintergründe für das Ausmaß der informellen (Bau)kultur nähergebracht. Dieser Blog gibt nur einen gewählten Einblick in das Erlebte. Die nächsten Tage nutzen wir zum vorläufigen Rekapitulieren und der Vorbereitung unserer Ausstellung in Savamala. Außerdem haben wir die Chance, uns morgen mit Zaklina Gligorijevic, Leiterin des Städtebauinstituts über die Perspektive der Belgrader Stadtplanung über den Umgang mit informellen Entwicklungen auszutauschen. Diesem Gespräch und der Ausstellungsdokumentaion widmen wir uns in einem abschließenden Blogeintrag. Wir danken Allen, die die Expedition ermöglichten und das Schiff auslauffähig gemacht haben.

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