Kaluđerica – Selbstorganisation trifft Legalisierung

Flaschen.Post#4gemeindefinanzierte Kirche – Flaschen.Post #4

Unsere Expedition führt uns in die größte informelle Siedlung Europas, Kaluđerica liegt an der südöstlichen Peripherie Belgrads. Vor den jugoslawischen Sezessionskriegen gab es hier kleinere landwirtschaftliche Gebäude, durch die zugezogenen Flüchtlinge erlebte Belgrad aber eine nie dagewesene Wohnungsnot, in deren Folge Regulierungsmechanismen des zerfallenden Jugsoalwiens sich als nicht ausreichend erwiesen und das Bauen auf der sprichwörtlichen grünen Wiese die einzige Methode darstellte, Wohnraum zu generieren. Kaluđerica steht beispielhaft für diese Entwicklung und erlebte den Höhepunkt der illegalen Bautätigkeiten in den Kriegsjahren von 1991 bis 2001.Wir erreichen die Siedlung über den Highway, vor uns eröffnet sich ein malerisches Panorama, ein endloses Meer roter Ziegeldächer bedeckt die sanft ansteigenden Hügel.

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frei zugänglicher Sportplatz der Schule

Die Straßen sind eng und gewunden, Straße, Zaun, Vorgarten lautet der ewig wiederkehrende Kanon der kaluđericanischen Straße. Wir halten an dem Sportplatz der Grundschule, einer von dreien, im Zuge von Leaglisierungs,- und Infrastrukturmaßnahmen errichteten Bildungseinrichtung. Zurzeit sind jedoch Sommerferien und wie erwartet treffen wir lediglich ein Pärchen an, das in der prallen Mittagshitze mit einem Basketball trainiert. „Der öffentliche Raum wird generell nicht viel genutzt. Es gibt den Sportplatz und die Schulen. Die Kirche mit Spielplatz ist ein beliebter Treffpunkt.“ so die Frau

Wir gehen die Tribüne hinauf zum Schiff und klappen die Stühle demonstrativ vor dem Bus aus, erhoffen uns so mit Passanten ins Gespräch zu kommen. An unserem ersten Tag ohne Gatekeeper erweist sich die Kontaktaufnahme deutlich schwieriger als gedacht, mehr als einmal wünschen wir uns, des Serbischen mächtig zu sein, um die Geschichten der entschuldigend abwinkenden Bewohner zu erfahren. Wir steuern die gemeindefinanzierte Kirche an. Reste der Tribüne des noch vor zehn Jahren bestehenden Sportstadiums sind am Rande zu erkenne. Die übriggebliebene riesige Rasenfläche passt proportional zum monumentalen Kirchenbau. Bunte Spielgeräte geben Auskunft über sonstige Nutzergruppen des Platzes. Leider ist auch dieser Platz menschenleer. In der Kirche empfängt uns ein alter Herr am Devotionalienstand mit einem herzlichen Lächeln. Trotz Kommunikation mit Händen und Füßen und wenigen Worten Serbisch ist sein Stolz über die Kirche klar zu erkennen.

Auf der Suche nach belebten Räumen entscheiden wir uns zunächst wilde Wege kreuz und quer durch das Gebiet zu nehmen. Kaluđerica erscheint ab dem ersten Moment anders als das bereits erforschte informelle Siedlungsgebiet Ledine. Durch die schiere Ausdehnung scheint es anonymer, es wirkt gut situiert und die Parzellen sind großzügiger aufgeteilt. Die Ähnlichkeit der Gebäude mit ihren ziegelbedeckten Satteldächern, die wiederkehrenden Elemente ergeben ein Bild und ziehen wie in einem Film an uns vorbei. Wir halten an, beim zweiten Hinsehen beginnen sich Unterschiede zu zeigen.

IMG_0469 nachbarschafltliche Raumgestaltung

Die Häuser verhalten sich unterschiedlich zum öffentlichen Raum. Je kleiner und unbefestigter die Straße desto weniger konkret ist die Abschirmung zum Nachbarn erkennbar, die Grenzen vom Privaten und Öffentlichen verlaufen. Wir Fragen uns ob das an dem unvollendeten Charakter der umliegenden Häuser liegt, es erweckt den Eindruck als sei dies schon sehr lange so. Im Experteninterview erfuhren wir, dass es sich um ein gängiges Schlupfloch im Baugesetz handelt, Häuser von Innen zu dämmen und so den Anschein einer Baustelle zu erwecken. Somit lassen sich Steuern für ein errichtetes Haus vermeiden.

IMG_0468bewohnte “Baustellen”

Dies spiegelt sich auch im Belag der Straße wieder, Bewohner haben großteils eigenmächtig an holprigen Stellen Ziegel wild in die Straße eingelassen. Sie gestalten den öffentlichen Raum, wie sich bei genauerer Betrachtung herausstellt. Auf der Brache ist ein Basketballkorb in den Grund eingelassen und zwei typische Stahlrahmen dienen als rudimentäre Tore. Wir steigen wieder ein und fahren auf den am Rande gelegenen geschichtsträchtigen Aleksander Boulevard der das Stadtzentrum mit Kaluđerica verbindet. In Zeiten des sozialistischen Jugoslawiens hieß dieser Revolution Boulevard wie wir zuvor erfuhren. Man erkennt schnell den überregionalen Charakter der Straße, Baufirmen, Tankstellen, und kleine Fachmärkte säumen den Fahrbahnrand.

IMG_0495Hauptstraße und Begegnungszone

Wir biegen ab in die Hauptstraße Kaluđericas, an der sich Schulen, die Kirche, ein kleines Einkaufszentrum auf geschätzten 100 Metern Höhenunterschied befinden. Eine klare Organisation ist abzulesen, eine Bandbreite an Elementen die unser planerisches Auge zuvor vermisst hat finden wir hier vor, ein Niveauunterschied durch Gehwege, einzelnen Parkbuchten, teilweiser Begrünung und Straßenmarkierungen. Unser Schiff ankert auf dem Schulparkplatz, das weit offenstehende Tor lädt dazu ein. Fußballspielende Jungs vergessen für einen kurzen Moment den Ball und schauen Boy neugierig aus der Ferne an. Wir fühlen uns wie Fremdkörper aber sind die, auf uns richtenden Blicke, nach zwei Wochen gewöhnt. Wir nutzen die Chance und gehen hin, sie kichern und tuscheln auf Serbisch, leider sprechen auch sie kein Englisch. Wir umrunden die großzügige Außenfläche des Schulgebäudes, Stahlspielgeräte, Rasenflächen und ein Sportplatz, auf dem Eltern mit ihrem Sohn spielen finden wir vor.

IMG_0497Bushaltestelle als Ort der Kommunikation

Wir spazieren den Hügel hinab, viele Personen warten an der Bushaltestelle. Unzählige Miteilungen lassen die blaue Farbe der Bushaltestelle nur sporadisch durchscheinen. „Todesanzeigen; Angebot Legalisierungsgutachten und juristischer Beratung; Baumaterialien zu verkaufen; Bauarbeiter und Mathematiker suchen nach Arbeit.“ Die Kommunikation die in Wien über das Online-Portal „will haben“ läuft, findet hier im öffentlichen Raum statt.

Das Gebäude zu unserer Linken sticht aus der monotonen Masse der Vorstadttypologien heraus, eine eingeschossige Zeile bettet sich in die Topographie, geschwungene Wände führen durch die entstehenden Gassen und leiten den Besucher zu den weiteren, innenliegenden Geschäften. Unweigerlich kommen Assoziationen zu Basararchitekturen der osmanischen Zeit auf, Nachfragen zu den Hintergründen dieses Bauwerks bleiben aufgrund der Sprachbarriere leider unbeantwortet.

Wie auch unsere Kommilitonen, die spezifisch öffentliche Räume in Kaluđerica untersuchten, gelangen wir zu dem vorläufigen Fazit, dass diesen Räumen ein anderer Stellenwert zuteil kommt, als wir vermuteten. Eigenwillige Organisationsformen vom Privatem, Öffentlichem und Gemeinschaftlichem in den Wohngebieten aus der Vergangenheit, treffen auf die Infrastrukturmaßnahmen der Stadt im Rahmen des andauernden Legalisierungesprozesses. Der öffentliche Raum wurde während unseres Besuches nicht übermäßig genutzt, lässt aber aufgrund der Ausgestaltung viele potentielle Nutzungen zu. Über den Grund der Abwesenheit der NutzerInnen können wir nur spekulieren, die andauernden Ferien, die Mittagshitze oder unser Besuch an einem Werktag könnten hier Faktoren darstellen.

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