Hintergründe der Wild City

#6jpginformell entstandene Kioske – Flaschen.Post #6

In den letzten Expeditionen ist uns bewusst geworden, dass man das Phänomen der Informalität nur in einem übergeordneten geschichtlichen Kontext verstehen kann. Deswegen haben wir uns mit einem historisch bewanderten Experten der Stadtentwicklung, Miodrag Ninić unterhalten und eine lehrreiche Expedition zu wichtigen Orten, deren geschichtliche Einbettung und Bedeutung für die Ausbreitung illegaler Bauten untersucht.

informell entstandene Kioske – Flaschen.Post #6In den letzten Expeditionen ist uns bewusst geworden, dass man das Phänomen der Informalität nur in einem übergeordneten geschichtlichen Kontext verstehen kann. Deswegen haben wir uns mit einem historisch bewanderten Experten der Stadtentwicklung, Miodrag Ninić unterhalten und eine lehrreiche Expedition zu wichtigen Orten, deren geschichtliche Einbettung und Bedeutung für die Ausbreitung illegaler Bauten untersucht.

Bei einem Spaziergang durch das historische Belgrad zeigt uns Miodrag viele Beispiele, an denen man die Prinzipien des ottomanischen Stadtverständnisses ablesen kann. Straßen werden nicht übergeordnet festgelegt, sondern ergeben aus den Wegen der Nutzergruppen eine fast organisch anmutende Struktur.

IMG_0781öffentliche Wirkung ottomanischer Architektur

Enge Gassen ohne Bürgersteig treffen auf schmucklose Hauswände, die den öffentlichen Raum abweisen. In den so geschützten Innenhöfen stehen meist zweigeschossige Bauten inmitten grandioser Gärten mit „Brunnen und Orchideen“. Der öffentliche Raum ist in diesem Fall nur eine Transitzone, soziale Funktionen finden im Privaten statt. An einer weiteren Station sind die Fundamente der im 2.Weltkrieg ausgebrannten Bibliothek noch sichtbar, der Vorplatz, der einem solchen Gebäude den nötigen öffentlichen Raum verschafft, unterscheidet sich hier nicht von den umliegenden Straßenräumen. Bei beiden Beispielen scheint es, als spiele der öffentliche Raum im Stadtverständnis seit jeher eine weniger prominente Rolle.

IMG_0786vier Räder und ein Lenkrad- informelles Gefährt

Ein lautes Knattern zwingt uns, das Gespräch zu unterbrechen. Ein archaisch anmutendes Fahrzeug schiebt sich im Schritttempo den Hügel hinauf. „Würden wir mit solch einem Vehikel fahren, die Polizei würde uns dafür ein Bussgeld anhängen, doch diese Menschen werden toleriert. Die Polizei sieht darüber hinweg, weil sie in der Regel keine Papiere haben, ein Verfahren damit enorm erschwert wird und es damit auch nur die Ärmsten der Armen trifft.“ Ihr Status ist illegal, ihr Business ist illegal und ihre Fahrzeuge sind es auch, doch verfolgt wird es wohl nicht. Das Phänomen der Informalität begegnet uns an vielen Orten in Belgrad.

IMG_0793Ausblick Rudotower

Miodrag führt uns zu den Rudotowers dem „Osttor“ einer der Satelliten der Stadt. Rudo war eine Textilfabrik, die diese Türme für ihre Arbeiter 1970-76 errichtete. In Zeiten des sozialistischen Jugoslawiens wurde verfassungsgemäß jedem Arbeiter das Recht auf eine Wohnung zugesprochen. Dies führte dazu, dass die großen Kombinate für ihre Belegschaft selber bauten und das Militär als „Projektentwickler“ fungierte um kleineren Firmen Wohnraum zu errichten und ihnen anschließend zu verkaufen.

Die ab 1950 entstandenen „Satellitensiedlungen“ am Rande der damaligen Stadtgrenze spielen eine zentrale Rolle der Belgrader Stadtplanung und ermöglichten indirekt die Entstehungen informeller Behausungen. Die 200.000 über Belgrad verteilten informellen Wohnbauten waren auf Infrastrukturmaßnahmen angewiesen, welche durch die Erschließung der staatlichen Großprojekte ausreichend dimensioniert zur Verfügung standen. Landflüchtende eigneten sich zunächst die Grünflächen dazwischen an, informelle Siedlungsstrukturen „wuchsen“ ähnlich wie die ottomanischen Stadtteile des 16. Jahrhunderts.

In den 90er Jahren im Zuge des wirtschaftlichen Embargos der UN kam es zu drastischen Engpässen in der Versorgung, vor allem mit Treibstoff. „Es gab kein Benzin in Belgrad, öffentliche Verkehrsmittel, private Autos und somit auch die Fabriken standen still. Die Landbewohner brachten privat angebaute Lebensmittel in die Stadt um sie auf informellen Straßenmärkten zu verkaufen.“  So entstanden zu dieser Zeit die typischen Kiosk- Architekturen, die überall in Wohngebieten am Rande der Straße meist gemeinschaftlich errichtet wurden. Die Stadtverwaltunge tolerierte um des sozialen Friedens willen diese Praxis.

Von den Rudotowers bekommen wir einen guten Überblick über die umgebenden Quartiere, ein rotes Dächermeer, das sich am Highway 75 bis zum Horizont, nach Kaluđerica zieht. Der Legalisierungsprozess des Gebäudebestandes vor allem in Kaluđerica ist heutzutage weitestgehend abgeschlossen. Die Bewohner werden so offizielle Eigentümer von Grund und Gebäude, zahlen Steuern abhängig der bebauten Fläche, wodurch ihnen eine funktionierende Versorgung versichert werden kann. Häuser die sehr gut im Gebiet gelegen sind werden von der Stadt im Nachhinein aufgekauft und zu öffentlichen Einrichtungen oder Grünflächen umgewandelt.

IMG_0803Block 15 – Neu-Belgrad

In unserem Schiff überqueren wir die Save in Richtung Neu-Belgrad. Ein historischer Aufriss lässt uns den Spagat der jugoslawischen Stadtplanung zwischen den totalitären Elementen des Kommunsimus und eines ökonomisch orientierten Städtebaus des Westens erkennen. Neu-Belgrad ist neben Chandigarh und Brasilia eine dieser Planstädte im Geiste LeCorbusiers mit einer klaren Aufteilung in Nutzungsblöcken und breiten autofreundlichen Boulevards. Brutalistische Hochhäuser in großzügig angelegten Grünflächen grenzen an historische Dorfstrukturen und Buisnessdistricts.

IMG_0831 in die Jahre gekommener Hauptplatz des Nachbarschaftszentrums

Die sozialistische Ideologie des Zusammenhalts und der gemeinschaftlichen Organisation hat inmitten der Wohngebiete eingeschossige Nachbarschaftszentren als Treffpunkt und Versorgungsort entstehen lassen. Dieser Kontrast der vertikalen Wohnbauten zu den engen Gassen, ist kein Zufall. Den Planern fiel zusehends in dem großen Experiment der Blockstadt auf, dass bei den ArbeiterInnen neben dem Wohnen, weitere Bedürfnisse nach sozialen und konsumorientierten Infrastrukturen bestand. Wir betreten einen eingeschossigen Komplex, vorfabrizierte serielle Betonelemnte bilden Innenhöfe, Geschäfte, geschützte Bereiche, Verwaltungsstellen und Cafés aus.

IMG_0824Seitengasse mit Platz des Nachbarschaftzentrums

IMG_0819angrenzende informell erbaute Kioske

zentrumsDie Gassen diese Art der Nachbarschaftszentren waren laut Miodrag bewusst schmal ausgeführt, um den Bewohnern die Assoziation zu den in Jugoslawien beliebten Urlaubsorten an der Adriaküste zu erleichtern. Von diesen Zentren sollten viele entlang des Boulevards errichtet werden, doch zu dieser Implementierung kam es nie. Stattdessen finden wir an den umliegenden Straßen wieder die, in den 90er Jahren informell errichteten Kioske vor.

IMG_0844Nachbarschaftsgarten vor der Wohnzeile

Bei einem Spaziergang durch die großzügigen Freiflächen der Häuserzeilen sind wir überrascht, viele junge Familien anzutreffen. Das Gebiet ist belebt, Jugendliche sitzen mit Decken auf der Wiese, Nachbarskinder spielen auf den Spielplätzen und zwei ältere Herren sitzen an ihrem liebevoll gestalteten Nachbarschaftgarten auf der Rückseite der Wohnzeile. Auf einer Tafel sehen wir eine Urkunde für den drittschönsten Nachbarschaftsgarten Belgrads. Der Herr erklärt das Konzept: „Zehn Symbole die das Land einzigartig machen.“

Wir bedanken uns bei Miodrag Ninić für die aufschlussreiche Führung, die uns letztendlich sieben, anstatt drei Stunden  über die Hintergründe der Wild City lehrte.

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