Ein Tag in Ledine

Flaschenpost #1Informeller Wasserpark Hollywood – Flaschen.Post #1

Mit im Boot sitzt Predrag Milic, unsere Expedition führt uns in seine Heimat, nach Ledine in Neu-Belgrad. Ledine, das man frei mit Ödland übersetzen kann, war ein bis 1961 wenig beachtetes Gebiet am Rande der Stadt. Damals war es noch als temporäre Unterkunft für die weniger prominenten Mitglieder der Blockfreien Staaten konzipiert.

Viele Familien aus dem sozialistischen Neu-Belgrad zogen unter verschiedenen Umständen in das Gebiet. Die Infrastruktur wurde vom Staat bereitgestellt, es gab Schulen, Kindergärten, Geschäfte und Märkte, eine Poststelle und Nachbarschaftszentren. Mit der nachkommenden Generation änderten sich die Familienstukturen, die vorhandene Lebensraum genügte nicht mehr. Dies hatte ein wildes Wachstum zur Folge, Gebäude wurden erweitert, in einer gemeinschaftlichen Anstrengung bauten sich die Bewohner Zugang zu Wasser und Kanalisation, sowie Telefonleitungen und Straßen. Durch die Jugoslawischen Unabhängigkeitskriege der 90er Jahre flüchteten viele Schutzsuchende nach Belgrad und begannen dann ihrerseits für sich und Ihre Nachkommen Häuser in den Randlagen der Stadt zu errichten, so auch in Ledine.

Der Geruch der Kaffeefabrik weht durch das geöffnete Busfenster. Menschen überqueren die stark befahren Hauptstraße Ledines, rechts und links reihen sich Geschäfte und Wohnhäuser. Predrag teilt uns mit, dass der Geschosswohnungsbau rechts innerhalb der lezten zwei Monate entstand. Das Gebäude in gleicher Form nebenan steht seit geraumer Zeit leer, anscheinend verkalkulierten sich die Verantwortlichen.  Das wilde Bauen, das durch den Legalisierungsdruck der öffentlichen Hand als bewältigtes Problem der Vergangenheit kommuniziert wird, ist in Ledine allgegenwärtig. Partielle Legalisierung gibt es auch, aber das Gebiet steht insgesamt nicht im Fokus jener Planungsinstitution oder der Stadtentwicklungsbehörde.

IMG_0161 beschnittenBauboom am Wasserpark

Überall wird gebaut und zwar fern ab jeder Genehmigung. Dabei Handelt es sich um weitaus mehr als nur Wohnbauten, angrenzend an die Wohnsiedlung beplant ein Investor ein riesiges Areal. Der Wasserpark “Hollywood” mit Hotelanlage entsteht in erster Reihe des Siedlungsgebietes. Die Brache auf der wir stehen wird im nächsten Bauabschnitt voraussichtlich Teil des Parks, natürlich Informell. Zwei Jungs aus der Nachbarschaft kommen uns auf Fahrrädern entgegen, sie sammeln Geld um den Eintritt zu zahlen, 600 Dinar (5€) kostet die Eintrittskarte. Gegenüber ist eine neue Straße entstanden, wir treffen Bauarbeiter an die pompöse Häuser hochziehen. Oder auch Familien die gemeinsam auf ihrem Baugrund Fundamente ausheben.

IMG_0175Der öffentliche Raum als Basketballfeld

Ein Vater mit seinen drei Söhnen baut am Garagendach, vor dem Zaun auf der Straße hat jemand einen Basketballkorb montiert, auch ein Volleyballfeld blitzt zwischen den Häuserfassaden durch. Wie man oft beobachten kann, geben Privatpersonen Teile ihres informell bebauten Grundstückes für öffentliche Nutzungen frei. Es gibt klare, ungeschriebene Regeln, welche ethnische Gruppe diesen Raum benutzen darf. Laut Predrag ist wiedererstarkender Rassismus eines der größten gesellschaftlichen Probleme in Ledines Nachbarschaft. Dass von staatlicher Seite öffentliche Räume zur Verfügung gestellt werden ist nicht der Fall. Neben den Straßen ist die Schule der Treffpunkt in Ledine, an dem Jung und Alt jeder Herkunft zusammenkommen, wie uns Bewohner mitteilen. Predrag selbst ist Teil des SKOGRAD Teams, das die Schüler schon früh in Partizipationsprozesse zur Umgestaltung des Schulumfeldes einbindet und durch diese moderierte Selbstermächtigung dabei hilft, Ressentiments frühzeitig abzubauen.

IMG_0101Ein segregierender informeller Spielplatz

„Der öffentliche Raum ist der private Raum.“ Predrag

Am Rande der Straße fällt uns ein umzäunter Spielplatz ins Auge. Diese Situation beobachten wir des Öfteren in Ledine. Auch, wenn es für uns als Betrachter von außen so friedlich und nachbarschaftlich erscheint, gibt es klare ethnische und soziale Differenzen, die sich auch räumlich ablesen lassen. In der Nachbarschaft existieren kleinere Gruppen, die sich durchaus voneinander abgrenzen. In einer wohlhabenderen Gegend könnte man sich typologisch in einer beliebigen Einfamilienhaussiedlung in Westeuropa vermuten. Keine 100 Meter weiter grenzt eine Romasiedlung an das Gebiet. Wir lassen dort unseren Bus stehen und gehen zu Fuß. Predrag wird von einem der Schulkinder erkannt, wir kommen ins Gespräch. Sie sind Interessiert, einige sprechen gebrochenes Deutsch. Um die fünfzehn Leute aus der Romasiedlung stehen nach und nach um uns herum und erklären uns ihre Situation. Sie wollen einen Spielplatz für Ihre Kinder bauen, aber ihnen fehlen die Mittel. Paradoxerweise, befindet sich gegenüber der Straßenseite ein uneinsehbares Grundstück. In dem Türmchen im turbourbanistischem Stil hängen demonstrativ eine serbische und eine schweizer Flagge. Die hohen Mauern sind spitzen abgebrochenen Glasscheiben gespickt und lassen uns die nachbarschaftliche Differenzen für einen kurzen Moment spüren. Hier wohnt und produziert der größte Flaggenhersteller Serbiens, natürlich informell, erfahren wir.

IMG_0103Gedenkort im Sommer, Rodelbahn im Winter

Auf der gegenüberliegenden Sraßenseite liegt ein historischer Ort, ein Graben an dem ein Denkmal in die Topographie des Hügels eingelassen ist. Es erinnert an das Massengrab von 350 Personen die im 2. Weltkrieg aufgrund ethnischer Differenzen exekutiert wurden. Heute ist dieser Platz einer der einzigen großen öffentliche Räume in der Nachbarschaft. Im Winter umgewandelt zu Rodelbahn ist es ein beliebter Treffpunkt für Kinder. Prederag dazu: „That´s the only thing that can cure this place”.

IMG_0122Blick von Ledine über Neu-Belgrad

Wir gehen weiter auf der informellen Straße. Diese kollektiv befestigten Staßen, gebaut von der Nachbarschaft findet man am häufigsten im Gebiet. Mal taucht die ein oder andere, mit staatlichen Mitteln entstandene Straße auf, man erkennt sie an dem einseitigen Gehweg. Angekommen am Ende des Gebiets breitet sich Neu-Belgrads Panorama vor uns aus. Im unteren Teil Ledines sind großflächige Lagerhäuser zu sehen. Ein Einwohner begann mit dem Verkauf von Werkzeug, er hat dort seinen Bauhandel und verkauft mittlerweile alles was benötigt wird um ein Haus zu bauen. Natürlich bezahlt er keine Steuern, so profitiert er, aber auch die Nachbarschaft, denn den so erworbenen Preisvorteil gibt er anscheinend an seine Kunden weiter.

IMG_0118Investorengeprägte Informelle Bautätigkeit

Neben uns, am Abhang mit bestem Ausblick gelegen, steht ein von Investoren entwickelter Geschosswohnungsbau, frisch verputzt und mit eigenen Parkplätzen. Genau hier entstehen die augenmerklichen Schwierigkeiten der informellen Bautätigkeit. Unbekannte Investoren erbauen Geschosswohnungsbauten in Massen und verkaufen die entstehende Eigentumswohnungen fernab von nachbarschaftlichen Verhältnissen. Das Bauland wird knapp und die Nachbarschaft wird segregiert. Immerhin ist mit diesem Gebäude auch die Straße vom Investor befestigt worden.

IMG_0135  Jungen aus der Nachbarschaft

Zurück an unserem Schiff kommt eine Gruppe neugieriger Jungs auf uns zu, einer spricht  deutsch und bietet uns seine Hilfe an. Wir unterhalten uns kurz am Ende entsteht das Foto, wir versprechen Ihnen  einen Abzug des Bildes zukommen zu lassen. Unser Schiff bringt uns nicht nur an die Abseits gelegenen Orte Belgrads, Kinder bleiben stehen und winken uns zu. In den kommenden Expeditionstagen werden wir es gezielt einbinden. Gerade, wenn wir ohne Gatekeeper forschen erleichtert dieses anscheinlich informelle Gefährt mit Sicherheit die Interaktion im öffentlichen Raum.

Letztendlich werden wir damit konfrontiert wie das System fernab von jeder Planung funktioniert und uns wird bewusst, dass die Vergleiche zu Wien nur schwer zu ziehen sind. Dennoch zeigt das Gebiet eine Lebendigkeit auf durch nachbarschaftliches Engagement von der bei uns, in jedem Partizipationsprozess zu träumen ist.

Am Ende geht es auf einen Raki zur Predrags Familie mitten in Ledine. Herzlich werden wir Wilkommen. Es gibt sicherlich noch einiges mehr zu erzählen, aber erstmal geht es weiter zu einem Treffen in die Street Gallery.

streetgalleryUlična galerija – Kunst im öffentlichen Raum

Wir bedanken uns herzlich bei Predrag für die Führung durch Ledine und freuen uns Ihn bald in Wien wieder anzutreffen, wo er mit seinem PHD an der SKuOR beginnt.

Anzukündigen ist eine kleine Kursänderung, wir brechen morgen früh gemeinsam mit KünsterInnen und Personen vom Kvaka22 (Catch22) in die Grenzstadt zum Kosovo Novi Pazar auf. Dort werden wir deren zweidimensionale Interaktionen im öffentlichen Raum begleiten.Eine Flaschen.Post wird bestimmt auch wieder hier angespült werden. Am Dienstag geht es dann regulär mit unserem zweiten Expeditionstag in Belgrad weiter.

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