Bela Stena – Insellösung der Informalität?

Flaschen.Post #3gebaute Individualität – Flaschen.Post #3

Wir sind den Hinweisen mehrerer NavigatorInnen gefolgt, lassen für einen Tag unser Schiff am Ufer stehen und steigen in ein Boot. Die bewohnten Donauinseln sind sowohl in der Lektüre als auch in unseren persönlichen Gesprächen mehrmals als besonders gelungener Kompromiss aus Informellem und den Belangen der öffentlichen Hand genannt worden. Die ersten illegal entstandene Strukturen entstanden auf Bela Stena (weißer Stein) bereits in den 1960er Jahren .Die Insel liegt gut 10 Kilometer flussaufwärts und damit längst nicht mehr im urbanen Raum Belgrads. Doch auf ihr etablierten sich spannende Prinzipien der gemeinschaftlichen Organisation und wir hoffen über diese und weitere Arten der Informalität bei einem Besuch mehr zu erfahren.

IMG_0622 IMG_0610 IMG_0599Varianten gebauter Individualität

Wir lassen Boy hinter uns, steigen in ein kleines Schifferboot. In der Ferne gewinnen lose gesetzte Solitäre an Schärfe. Kies knirscht unter dem anlaufenden Bug und mit einem beherzten Sprung verabschieden wir uns von dem schweigsamen Fährmann. Fischerboote reihen sich an einem improvisierten Steg, daneben ein belebtes Lokal mit Terrasse. Wir begeben uns auf ausgetretene Pfade, nach Belieben und in den seltensten Fällen trennen hier Zäune die Grundstücke voneinander. An einem Uferweg entlang reihen sich viele der individuell gestalteten, insgesamt doch eher kleinen Häuschen mit datschencharakter. Auf uns wirkt es, als hätten hier viele Anwohner mit starkem Gestaltungswillen zusammengefunden. Man spürt die geografisch gegebene Sicherheit der Insel, die sonstig beobachteten Mauern, die den privaten Raum von dem öffentlichen Raum trennen scheinen hier obsolet.

IMG_0568Haus der Dame- in den 60er Jahren errichtet, sie selbst will nicht abgelichtet werden

Wir sprechen zwei Damen an, die in einem Vorgarten sitzen, herzlich empfängt man uns zu Saft und Gespräch. Sie sprechen gebrochenes englisch, Vladimir ist zum Glück bei uns und übersetzt. Eine der Dame berichtet uns stolz, das Haus von Ihrem Vater geerbt zu haben, der es 1964 erbaut hat. Ihre Freundin besitzt ein Haus nur wenige Meter weiter. Sie klären uns auf, dass die Bauten nicht mehr informell sind, sondern eine Art jährlicher Grundstückspacht an eine forstwirtschaftliche Firma aus staatlicher Hand gezahlt wird. Die Inselbewohner kompensieren den potentiellen Verlust dieser Produktion, der durch ihre Bebauung anfällt. Je nach Größe der Bebauung variiert der Preis, tiefergehende Regulierungen gibt es nicht. Da es einige verlassene Häuser gibt und die Insel Großteils bewaldet ist, sind Neubauten nur innerhalb der Siedlungsgrenze zulässig. Außerdem berichten die Frauen von einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis auf der gesamten Insel, der öffentliche Strand sei zum Beispiel ein Treffpunkt. Auf dem Weg dort hin wird uns klar, dass alle Wege ausschließlich für Fußgänger ausgelegt sind. Nicht ein einziges Auto ist auf der doch nicht kleinen Insel zu sehen, was eine gewisse Idillye verspüren lässt.

IMG_0642Inseltreffpunkt

Die Wege unterscheiden sich jedoch in Breite und Belag und trotz kaum vohandener baulicher Grundstücksgrenzen lassen sich die Eigentumsverhältnisse vielerorts ablesen. Gesezte Rabatten, verschiedene Rasenhöhen und Steinplatten zeugen von einer subtilen Abgrenzung der BewohnerInnen. An einem Hauptweg in zweiter Reihe des Ufers, liegen Hütten und Häuser mit verschiedener Gastronomie. Vor allem an Wochenenden in Sommertagen ist dieser Ort ein beliebtes Ziel von Inselgästen und BewohnerInnen. Fünfzig Meter weiter beginnt der öffentliche Strand, wir setzten uns kurz.  Wir beobachten eine alte Dame ihren Hausmüll in einer der vielen Mülltonnen direkt am Wasser werfen.

Uns zeigt die Siedlung auf Bela Stena eine neue Form gemeinschaftlichen Lebens, die Außenstehenden exklusiv erscheinen mag, aber für jedermann mit dem Boot jede halbe Stunde für weniger als einen Euro zu erreichen ist. Als eine Qualität haben wir die individuelle Freiheit in Verbindung mit gemeinschaftlicher Zusammengehörigkeit gelesen. Doch auch hier entzieht sich vermutlich ein komplexes Netz aus Beziehungen, Geschichten und Regeln unserer kurzen Beobachtung.

Im Kontrast dazu steht die am Vormittag besuchte Wild City Siedlung Kalujerica, die ehemals größte informelle Siedlung Europas. Morgen werden wir diese mit der zur gleichen Zeit entstandenen, dennoch in gänzlich anderem Charakter auftretenden Siedlung Padina, vergleichen.

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