Tag 1: Zeitmaschine

Sarajevo ist wie eine Schlange, welche sich bis zur letzten Erhebung des Tals an die ausgeprägte Topographie schmiegt, während das Rückgrat, die Strasse Zmaja od Bosne, Lebendigkeit in das Tal bringt und jeder ihrer einzelnen Wirbel eine eigene Geschichte erzählt

Um in die Stadt zu kommen, fuhren wir die Zmaja od Bosne entlang, und somit begeben wir uns auf eine Zeitreise. Stadtteile unterschiedlicher Zeitepochen ziehen an uns vorbei. Je näher wir zum Zentrum kommen, umso älter werden die Gebäude. Zu Beginn sehen wir sowjetische Plattenbauten, welche mittlerweile nichts mehr mit sozialem Wohnungsbau zu tun haben, sondern ins Privateigentum übergangen sind und mit Kleinkriminalität kämpfen, wie uns unser Freund Dzenan, dessen ungewöhnlicher Name für immer in unserern Köpfen bleiben wird, erzählt. Später entdecken wir auch die Gebäude, über welche wir schon viel gelesen haben: das Holiday Inn, jenes Hotel, von welchem auf die Friedensdemonstration kurz vor Kriegsausbruch geschossen wurde und in welchem die internationalen Journalisten während der Belagerung untergebracht waren. Das historische Museum, steht in unmittelbarer Nähe: ein heruntergekommener modernistischer Bau, welcher eine wichtige Rolle in der heutigen progressiven Kulturszene spielt.

Den Stadtteil aus der K. und K.-Zeit sehen wir uns zu Fuss an. Unsere Angst, dass wir uns unter die kriegsgeilen Touristen mischen, verschwindet schnell, als wir bemerken, dass wir in der Innenstadt eher nach Gebäuden suchen müssen, welche keine Einschusslöcher haben. Die zerschossenen Fassaden stellen für uns eine Diskrepanz zum Rest des Stadtraums dar: auf den ersten Blick erscheint alles sehr gepflegt, die Parks sind schön angelegt, die Lebendigkeit der Erdgeschosszone ist auch räumlich zu spüren: Transparenz, Arkaden sowie Vor- und Rücksprünge der Fassaden geben dem Leben am Gehsteig eine Möglichkeit zur Ausdehnung. Im Strassenraum dominiert dennoch der Autoverkehr.

Vorsichtig tasten wir uns zum Pijaca Markale vor, jener Markt, auf welchem eines der schlimmsten Massaker der Belagerung Sarajevos stattfand. Während der eigentliche Tatort, der outdoor-Markt mit seinen hölzernen Marktständen im Dunkeln liegt und wie ein geeigneter Ort für ein Verbrechen wirkt, sieht es auf der anderen Seite der Markthalle ganz anders aus: eine Fussgängerzone trieft mit allen kapitalistischen Merkmalen. Da entdecken wir die erste rote Rose. Rote Rosen werden jene Spuren der Granateneinschüsse am Asphalt genannt, welche mit rotem Harz ausgefüllt wurden um an die Todesopfer dieser Granaten zu erinnern.Schnell wird uns klar, dass diese rote Rose noch vorhanden ist, weil sie vielmehr eine touristische Attraktion als ein Denkmal der Belagerung ist.

Touristen beim Gedenken

Unendliche meist anthropomorphe Vergleiche für die Strasse Zmaja od Bosne, welche ins Zentrum unserer Recherche gerückt ist, fallen uns ein: die Lebensader, das Rückgrat, die Zeitmaschine, … Doch wir stellen uns die Frage: Was passiert abseits dieser Strasse?

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