Kaluđerica between the Lines

Den heutigen Tag verbrachten wir ausnahmsweise nicht in Kaludjerica sondern im Zentrum von Belgrad. Am Vormittag hatten wir ein ausgedehntes Interview mit Vladimir Parezanin, Dozent an der Fakultät für Architektur der Belgrader Universität. Parezanin wurde uns von Djordje vermittelt, er hat in den letzten Jahren die Kirche und den umgebenden Platz für die Kirchengemeinde umgestaltet. Das Gespräch war außerordentlich hilfreich, da wir uns der Thematik des öffentlichen Raumes in Kaludjerica in einem weiter gefassten, philosophischen Kontext angenähert haben. Wir sprachen über die Ansprüche der Architektur, öffentlichen Raum zu gestalten, ohne das funktionierende Gemeinschaftsleben negativ zu beeinflussen, im Kontext von Kaludjerica betrachtet, wo man Architektur ohne Architekten, beziehungsweise Stadtplanung ohne Stadtplaner  vorfindet und die spezielle Dynamik, die sich daraus ergibt, ergibt. Das öffentliche Zusammenleben in Kaludjerica, abgesehen von klassischen öffentlichen Räumen und Plätzen funktioniert durch ein dichtes Netzwerk unter den BewohnerInnen sehr niederschwellig. Diese brauchten beispielsweise lange Zeit keine Arztpraxen, da man beim nachbarschaftlichen Leben ohnehin den Arzt trifft und diesen zu sich nach Hause bitten, oder gleich direkt auf der Straße um Hilfe bitten kann. Das Fehlen des öffentlichen Verkehrs wird dadurch kompensiert, dass man seine NachbarInnen mit dem Auto mit ins Stadtzentrum nimmt. Die Schwachstellen in der Infrastruktur der Siedlung werden so zum Potential des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Ein Zitat Parezanis ist dabei besonders erwähnenswert: “Öffentlicher Raum ist nicht öffentlicher Raum weil er so genannt wird, sondern weil die sozialen Kontakte dort ablaufen”. Um Kaludjerica zu verstehen muss man zwischen den Zeilen lesen, sie funktioniert ohne Treffpunkte mit offensichtliche Aufenthaltsqualität, man trifft sich eben vor der Bäckerei, in einer ruhigen Seitenstraße, oder im Vorgarten. Insgesamt dauerte das Gespräch mehr als 2 Stunden, wir hatten aber alle nicht das Gefühl, dieses unterbrechen zu müssen, da es für uns sehr stark zu einem tieferen Verständnis der Siedlung beitrug.

Abends führten wir noch ein Interview mit den beiden Friseurinnen Danijela und Sladjana, die beide in Kaludjerica leben und uns sehr viel vom Leben in der Siedlung erzählen konnten. Wir fragten sie nach Treffpunkten, dem öffentlichen Leben und der Entwicklung von Kaludjerica während der letzten Jahre und sie zeigten uns auf der Karte jene Orte, die sie als öffentliche Treffpunkte identifizieren. Für uns erstaunlich war der Kontrast zwischen den beiden Interviews, die in der Ausführung beinahe gänzlich unterschiedlich waren. Die Ergebnisse führten aber schlussendlich zu einem schlüssigen Gesamtbild. Das Interview führte Danijel wieder auf Serbisch.

Der heutige Literaturtipp ist passend zu unseren heutigen Interviews “Researching the cityvon Kevin Ward. In diesem Buch werden unterschiedlichste Methoden zur Stadterforschung beschrieben, unter anderem auch Interviewführung.

Zusammengefasst ein langer und erkenntnisreicher Tag für uns alle.

Grüße aus Belgrad!

 

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