Expect the Unexpected

Ein weiterer Forschungstag neigt sich dem Ende zu. Wir sind nun schon vier Tage in Belgrad. Erneut haben wir den Großteil des Tages in Kaludjerica verbracht und unsere Expedition wieder bei der Kirche gestartet. Dort wurden wir erneut sehr freundlich empfangen, diesmal war Priester Jovan zu sprechen, bei Rakia und Kaffee. Anfangs sahen wir das ganze eher als Höflichkeitsgespräch, da wir uns von ihm nicht viel mehr neue Informationen erwarteten, aber nach dem langen Gespräch haben sich sehr viele Fragen geklärt. Er zeigte uns ein Foto vom ehemaligen Fußballstadion in Kaludjerica, auf dem heutigen Kirchengelände. Weiters zeigte er uns auf einer Karte von Kaludjerica den ältesten Teil der Siedlung welcher schon 1850 entstand.

Der Priester weiß sehr viel über das Leben und die Treffpunkte in Kaludjerica. Das öffentliche Leben der Jugend verlagert sich offenbar mehr und mehr in die Innenstadt, während sich die Pensionisten einen eigenen Club als Treffpunkt eingerichtet haben (dessen genaue Position wir noch finden müssen). Das Gemeinschaftsgefühl ist hier nach wie vor die größte Qualität. Großfamilien leben zusammen in bis zu 500m2 großen Häusern, die verschiedenen Generationen verteilen sich auf den einzelnen Geschoßen. Oft werden Nachbarhäuser auch von Familienmitgliedern bewohnt. Diese treffen sich dann in den halbprivaten Vorgärten, die in Serbien im Gegensatz zu Österreich generell eine große Rolle als Treffpunkte spielen.

Wir fanden heute auch das Gemeindeamt der Siedlung, das verwaltungstechnisch zur Gemeinde Grocka gehört. Wir erfuhren von Pater Jovan, dass Kaludjerica offenbar in naher Zukunft eine eigene Dorfgemeinde von Belgrad und damit unabhängig von der bisherigen Verwaltung durch den Vorsteher von Grocka wird. Das bestätigt unseren Eindruck, dass die Stadt Belgrad an der Aufwertung aber auch der Kontrolle der Siedlung großes Interesse hat.

Außerdem sahen wir die Polizeistation, sowie eine große neu gebaute Grundschule, deren Sportplätze und Freiräume offenbar auch nach der Unterrichtszeit von Kindern als Treffpunkt genutzt werden. Wohl die größte Überraschung, die wir heute in Kaludjerica erleben, ist die Entdeckung einer Außenstelle der Fakultät für Agrikultur der Universität Belgrad an der Grenze zur Nachbargemeinde.

Der heutige Buchtipp Unfinished Modernisations: Between Utopia and Pragmatism“ von Maroje Mrduljas und Vladimir Kulic beschreibt den Vorgang der Legalisierung Kaludjericas sehr anschaulich anhand von Gesprächen mit BewohnerInnen der Siedlung und passt daher sehr gut zu unseren heutigen Erkenntnissen, da die Siedlung heute weitgehend legal zu sein scheint.

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