Angekommen in Kaluđerica!

Heute haben wir uns ins Forschen gestürzt und verbrachten den Großteil des Tages in Kaludjerica. Mit der Buslinie 309, der einzigen Verbindung Kaludjericas zum Zentrum Belgrads, erreichen wir die Siedlung. Unsere Erwartungen eines roten Dächermeeres werden schon bei der Hinfahrt im Bus erfüllt und beim Aussteigen sehen wir auch schon die ersten halb fertig gebauten Häuser. Anfangs fühlen wir uns noch wie Fremdkörper, die das Leben in der Siedlung stören – beim Fotografieren werden wir argwöhnisch beobachtet und einmal sogar nach unserer Intention gefragt. Die Bewohner haben offenbar Angst wir könnten ihre (informellen) Häuser für die Stadt Belgrad dokumentieren. Erst nachdem wir versuchen zu erklären, wir seien nur „Turisti“, lässt man uns weiter machen.

Die Instrumente für diesen heutigen Stadtspaziergang sind unsere Notizbücher, unser Aufnahmegerät, unsere Spiegelreflexkamera und unser Forschungsdrang. Bereits nach wenigen Schritten finden wir erste Anzeichen öffentlichen Raums, was uns nach unserer intensiven Vorbereitung und dem gestrigen Interview mit der Professorin Vanista-Lazarevic etwas überrascht. Immerhin erklärte sie uns, funktionierende öffentliche Räume in Kaludjerica zu finden, sei pure Utopie. Wir kommen an kleinen Sportplätzen, der ältesten Schule der Siedlung und Kinderspielplätzen vorbei – generell begegnen uns anfangs hauptsächlich Kinder im öffentlichen Raum und dieser scheint auch zum größten Teil von ihnen genutzt zu werden.

Das prägendste Ereignis des heutigen Tages ist die Begegnung mit Djordje und Mladen. Wir treffen die beiden in der, wie wir später erfahren sollten, einzigen Kirche der Siedlung. Nachdem wir diese interessiert betreten, kommen wir mit Djordje, einem Nachwuchspriester der örtlichen Gemeinde ins Gespräch. Er erzählt uns, dass die Kirche vor zehn Jahren von den Bewohnern Kaludjericas gestiftet wurde, was in der orthodoxen Kirche üblich ist. Das Grundstück für die Kirche, den umgebenden Park und das Zentrum der Kirchengemeinde wurde offenbar von der Stadt bereitgestellt. Überraschenderweise ist die Kontaktaufnahme mit den Einheimischen viel einfacher als gedacht, wir werden auf serbischen Kaffee (so wird türkischer Kaffee in Serbien genannt, witzte Djordje) und Kirschkuchen eingeladen und haben ein langes Gespräch mit dem ca. 35-jährigen Djordje und dem ca. 70-jährigem Mladen, der ebenfalls in der Kirchengemeinde mitarbeitet. Sie erzählen uns von der Kirchencommunity, die offenbar sehr aktiv ist. Diese Kirche ist immerhin die drittgrößte in Belgrad und ist einer der wichtigsten Treffpunkte – uns fällt auf, dass auch die umliegende Grünfläche mit Kinderspielplatz sehr stark genutzt wird. Von unseren Gesprächspartnern erfahren wir, dass auf dem Gelände früher ein Fußballstadion stand, schon zu Zeiten als Kaludjerica noch grüne Wiese war. Mladen und Djordje vermitteln uns den Kontakt zu einem Architekten, der in der Siedlung wohnt, mit dem wir hoffentlich in den nächsten Tagen sprechen können. Ein Tipp um mit Einheimischen in Kontakt zu kommen sind Kirchen und deren florierende Communities, wo auch englischsprachige Mitglieder anzutreffen sind, die, wenn man ihr Interesse weckt, ein wahrer Türöffner zu den BewohnerInnen der umgebenden Siedlung sind.

Nach dem netten Gespräch “entdeckten” wir den von den Bewohnern selbst angelegten Friedhof, ein Krankenhaus, ein Einkaufzentrum, eine Markthalle und verschiedene Schulen. Es wirkt bei dieser ersten Stadtwanderung durchaus so, als ob es in dieser Siedlung sehr wohl Investitionen von Seiten der Stadt Belgrad gibt, und dass Kaludjerica nicht in dem Maß ignoriert wird wie erwartet. Es gibt einige Orte, die offenbar von Seiten der Stadt aufgewertet wurden, hauptsächlich die Verkehrsinfrastruktur (für den motorisierten Individualverkehr), sowie die öffentlichen Räume um Schulen, Kindergärten usw. Die Frage ob diese Projekte tatsächlich von der Stadt initiiert wurden, oder ob dafür die Community verantwortlich ist, werden wir hoffentlich in den nächsten Tagen klären können. Als massive Einschränkung des öffentlichen Raums fallen uns auf den ersten Blick deren hohe Umzäunungen auf, die jeden Grünraum, jede Freizeitfläche und jeden Spielplatz begrenzen.

Wir freuen uns schon, morgen und in den nächsten Tagen noch tiefer in Kaludjerica einzutauchen…

Als Literaturtipp gibt es heute das Buch TirolCity von Yean, in dem das Netzwerk junger europäischer Architekten und Raumplaner das Bundesland Tirol mit einem urbanen Großraum gleichsetzt. Dadurch wurden wir inspiriert, Kaludjerica als zusammenhängende Stadt zu betrachten – immerhin hoffen wir in den nächsten Tagen die Zentren und Treffpunkte bzw. die Schlagadern der Siedlung zu finden, wovon wir heute schon einige identifizieren konnten.

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