[PASSIVE AKTIVITÄT] – Naturschutz in der Stadt

Auf geht´s nach Rumänien!
Auf geht´s in die grüne Lunge von Bukarest!

Lasst uns Aufbrechen in ein Terrain der ursprünglichen Wahrnehmung von Mensch und Natur.

Lasst uns unsere Kultur, unsere Städte, uns als Menschen betrachten und bauen wir einen Bezug zur Außenwelt auf.

Über den physischen Raum entsteht die Idee des Mensch-Sein und es entwickelt sich die Kultur der Menschen. Ohne die Natur wäre das Dasein selbst eine irreale Fiktion.

Bukarest und der Vacaresti Naturpark

Die Hauptstadt galt einst als eine Stadt der Gärten, die heutzutage aber durch den Einfluss der Autos und dem damit verbunden Ausbau von Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen geprägt ist. Die entstandene Notwendigkeit an Parkplätzen und Infrastruktur verdrängte nach und nach die Wichtigkeit von Grünflächen und Freiräumen, sodass Bukarest heute, laut Beschreibung von Street Delivery, als eine der meist verschmutzten und verstopften Hauptstädte der Europäischen Union gilt.

Unsere Forschungsreise befasst sich mit dem Gebiet des Văcărești Naturparks.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts stellte das heutige Gebiet des Văcărești Naturparks eine bloßes Stück Land, in unmittelbarer Nachbarschaft der „Valea Plângerii“ (dt. Tal des Klages), dar. Ein unbedeutendes Gebiet in der damaligen Peripherie der Stadt. Im Gegensatz zur vorherrschender Schönheit des Stadtzentrums, welches damals als „Kleines Paris“ bezeichnet wurde, war die Peripherie, eine weite und ungepflegte Zone, die eher dem ärmeren Teil der Bevölkerung ausgelegt war.

Vacaresrti

Das Tal des Klagens wurde lange Zeit als Müllhalde der Stadt genutzt und kann innerhalb eines Dreiecks verortet werden, welches sich über den noch heute erhaltenen, südwestlich gelegenen Bellu Friedhof, dem im Norden gelegenen Krematorium „Cenușa“ und dem östlichen gelegenen Schlachthaus erstreckt, welches dieses „makabere“ Dreieck abschließt.1921 beschloss König Ferdinand I. das Gebiet des heutigen Văcărești Naturparks Privatpersonen zuzuteilen, um dort Gemüse- und Blumengärten zu kultivieren. Während das angrenzende Tal des Klagens im Zuge der kommunistischen Planung in den heute zweitgrößten Park der Stadt verwandelt wurde, dem Parcul Tineretului, blieb der landwirtschaftliche Charakter im Nachbargebiet, dem heutigen Văcărești Naturpark, bis circa 1988 erhalten. Die Charakteristik des Gebiets blieb, trotz dessen, dass das Areal 1948 größtenteils zum Staatseigentum erklärt wurde, bestehen.

Ein anderes spezifisches Merkmal der heutigen Văcărești Naturparkzone stellte das Kloster Văcărești dar. Dem Kloster, welches in der Zeit zwischen 1984 bis 1985 unter der Herrschaft Ceaușescus abgerissen wurde, folgte 1988 die radikale Enteignung der verbliebenen Landbesitzer. Grund dafür war ein von Ceaușescu in Auftrag gegebener Entwicklungsplan, der den Titel „Amenajare Lac Văcărești“ (dt. Einrichtung See Văcărești) trug. Eine hydrotechnische Anlage dem Schutz vor Überflutungen, durch den Fluss Dâmbovița, welcher die Stadt durchquert, gewährleisten sollte. Die Bauarbeiten begannen nachdem die EigentümerInnen aus ihren Häusern in angrenzende Wohnblocks umgesiedelt wurden. Durch die autoritäre Interessensdurchsetzung seitens des kommunistischen Regimes entstanden problematische Eigentumsverhältnisse, die bis heute nachwirken. Für die massive Seeanlage wurde, nach dem Aushub des Bodens, von Ingenieuren ein künstlicher Betondamm entwickelt, der einen Umfang von rund 4 km misst. Nach der Fertigstellung des Damms wurde versucht die Fläche mit Wasser zu füllen, welches aus dem angrenzenden Fluss Dâmbovița herausgepumpt wurde. Durch Planungs- und Umsetzungsfehler konnte der künstlich angelegte See die Wassermasse allerdings nicht halten und so wurden die Bauarbeiten nach einem Besuch Ceaușescus, wegen dessen Unzufriedenheit im Sommer 1989 vorerst eingestellt. Mit dem Fall des kommunistischen Regimes und dem Tod Ceaușescus im Dezember 1989 geriet das eingestellte Entwicklungsprojekt in Vergessenheit und die Zone verblieb als stillgelegte Baustelle.

Durch verschiedene Grundwasserquellen, die in dem Gebiet vorhanden waren, wurde nach und nach unterschiedlichen Fischarten der Zugang ermöglicht. Durch den schützenden Charakter des Damms, die heterogene, geologische und somit für die Besiedelung ungeeignete Bodenbeschaffenheit und eine gewisse Hilflosigkeit der Stadt und Bevölkerung, aufgrund der ungeklärten Eigentumsverhältnisse, entwickelte sich das Gebiet langsam von selbst weiter. 2003 wurde durch das Umweltministerium eine behördliche Genehmigung erlassen, durch welche das Gebiet, für eine Summe von 6 Millionen USD, für 49 Jahre an die SC Royal Romanian Corporation verpachtet wurde. Der Investor hatte eine Investition von über einer Milliarde USD geplant, mit welcher das Gebiet Schritt für Schritt in eine Wohn-, Sport- und Kulturzone verwandelt werden sollte (Abb. 8). Doch keiner dieser Pläne wurde umgesetzt, sodass das Gebiet für weitere neun Jahre weitgehend unbeachtet blieb. 2012 erschien nach zahlreichen fotografischen Aufnahmen, der Vogel- und Tierarten, durch Helmut Ignat, ein Artikel von Cristian Lascu im National Geographic Romania mit dem Titel „Delta dintre blocuri“ (dt. Das Delta zwischen den Wohnblocks). Dieser diente als Anstoß für die Gründung eines Vereins mit dem Namen “Asocitația Parcul Natural Văcărești“ (APNV). Die Organisation, die seit 2012 tätig ist, setzt sich seither dafür ein, dass der Văcărești Naturpark aufgrund seiner einzigartigen Biodiversität, gebildet aus verschiedenen schützenswerten Tier-, Vogel- und Pflanzenarten, zum Naturschutzgebiet erklärt wird. Nach langen Bemühungen mit verschiedensten internationalen Organisationen, wie zum Beispiel der IUCN, aber auch lokalen und nationalen Vereinen, Experten und Behörden, ist es dem Verein Văcărești Naturpark gelungen alle notwendigen Unterlagen und Genehmigungen einzuholen, sodass im Mai des Jahres 2016 durch den Regierungsbeschluss Nr. 349/2016 das Gebiet innerhalb des Damms offiziell zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Thematik der Feldforschung

In einer Auseinandersetzung mit dem Văcărești Naturpark in seinem städtischen Kontext treffen wir auf grundlegende Fragen der Diskrepanz zwischen Stadt und Land, zwischen Mensch und Natur, zwischen Baukultur und Biosphäre, sowie zwischen Grünraum und Raumplanung. „In seiner allgemeinsten und fundamentalsten Bedeutung bezieht sich der Terminus Natur auf alles Nicht-Menschliche und nicht vom Menschen Produzierte und insofern auf das der Kultur, der Gesellschaft, der Geschichte, dem Bewusstsein etc. Entgegengesetzte und Äußerliche“.

Der Văcărești Naturpark ist in seiner Geschichte ein, vom kommunistischen Regime, künstlich angelegtes Stadtgebiet, welches mit der Unterstützung der Nicht-Unterstützung des Menschen, also mit der reinen Passivität von menschlichem Eingriff, sich zu einer Biosphäre mit dem Status eines Naturschutzgebietes bis heute entwickeln konnte. Diesen Prozess fassen wir durch den Begriff der „passiven Aktivität“ zusammen und stellen uns direkt die Frage, wo eine Symbiose von Mensch und Natur noch stattfindet und wie diese eine sinnvolle Anwendung im urbanen Kontext finden kann.

Im Văcărești Naturpark finden wir ein Naturschutzgebiet im urbanen Kontext. Eine Tatsache und eine Exposition, welche zumindest in Europa ihres gleichen sucht. Dieses System ist entstanden durch die in Kap. 2b angesprochenen historischen Zusammenhänge. Das Potential des „Nicht-Eingreifens“, des „Nicht-Kontrollierens“ durch den Menschen, und die Passivität, die in diesem Kontext eine Wandlung zum Aktiven erfährt, sind Wesenszüge des Văcărești Naturparks. So kann man den Naturpark mit einem „Schiffswrack als Naturparadies“ vergleichen. Die dortige Natur kann als „eigenwilligen, unberechenbaren und sich permanent wandelnden Agenten, der […] aber alles andere als passiv ist.“, angesehen werden.

Folgt man der Meinung von einigen GeologInnen und UmweltwissenschaftlerInnen, welche die Stadt als eine Art Fremdkörper im Ökosystem Erde sehen, so kann auch hier eine Besonderheit im Văcărești Naturpark erkannt werden. Paul Krutzen, ein niederländischer Geologe und ehemaliger Direktor des Max Planck Instituts, schlug vor das „neue Zeitalter“, nach der „dominierenden, alles verändernden Spezies, Mensch“, griechisch „anthropos“, zu benennen. Daraus ergibt sich eine Verantwortung des Menschen für das globale Ökosystem. Aufgrund des Populationsanstieg und der Stadtflucht wachsen unsere Städte in rasender Geschwindigkeit. Herr Lötsch, Professor an der Technischen Universität Wien, beschreibt den negativen Einfluss des Menschen auf die Biosphäre in der Ringvorlesung Ökologie 2016. Was würde Herr Lötsch über den Einfluss einer urbanen Oase, wie den Văcărești Naturpark, auf die Stadt Bukarest sagen? Welche positiven Einflussfaktoren würde er erkennen?

Ein Kommentar zu “[PASSIVE AKTIVITÄT] – Naturschutz in der Stadt

  1. Adrian Vitisco

    Bravo! Endlich ein guter historischer Rückblick in die Entstehungsgeschichte des heutigen Vacaresti-Nationalparks. Jetzt müsst Ihr Euch “nur” noch ein paar Gedanken machen, wie dieser
    Park dauerhaft erhalten oder verbessert werden kann, damit er niemals bebaut wird. Weder durch Straßen, Brücken, Kanäle oder irgendwelche Häuser, egal ob niedrige Bungalows oder Hochhäuser. Eine spannende Aufgabe, die es nun durch ein optimales raumplanerisches Konzept zu lösen gilt.

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