All together now

“Die Stadt sei ‘der konsequenteste und insgesamt erfolgreichste Versuch des Menschen, die Welt, in der er lebt, nach seinen eigenen Vorstellungen umzugestalten. Doch wenn die Stadt die vom Menschen erschaffene Welt ist, dann ist sie auch die Welt in der er fortan zu leben verdammt ist. […]’(Park, 1967) Wenn Park recht hat, kann die Frage, in welcher Art von Stadt wir leben wollen, nicht von der Frage getrennt werden, welche Art von Menschen wir sein wollen, welche Art von sozialen Beziehungen wir anstreben, welches Verhältnis zur Natur wir pflegen, welchen Lebensstil wir uns wünschen, an welchen ästhetischen Werten wir festhalten.” (Harvey, S.28)

Als Kontrast zur mainstream, top-down Produktion der Smart City, wie beispielsweise a la Google Urbanism, finden wir das Phänomen einer zusehends wachsenden Gemeinschaft und Netzwerken die an alternativen Do-It-Yourself Modellen von “urban informatics” arbeiten. Wir befinden uns dabei im Feld einer Kritik gegen den technokratischen Reduktionismus der Smart City und ihre offensichtliche Gleichgültigkeit gegenüber der Komplexität der sozialen, politischen und kulturellen Aspekte der Stadt. (vgl. Banerjee, S.1)

Unter Digital Communities wollen auch wir diese Bewegungen zusammenfassen und lehnen uns dabei an die Verwendung des Begriffs durch die Plattform ARS Electronica an. In einem Wettbewerb, dem Prix ARS Electronica, suchen sie aller zwei Jahre nach den vielversprechendsten Projekten in dieser Kategorie.

(Was ist die Ars Electronica?)

ARS Electronica Center
ARS Electronica Center (https://www.aec.at/center/)

 

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Sub-Kategorien von Digital Communities (Quelle: Banerjee/Fischer-Schreiber)

“Die Kategorie „Digital Communities“ berücksichtigt die weit reichenden gesellschaftlichen Wirkungen des Internet ebenso wie die aktuellsten Entwicklungen im Bereich von Social Software, user-generiertem Inhalt, mobiler Kommunikation und ortsbezogenen Services. ‘Digital Communities’ würdigt das politische und künstlerische Potenzial digitaler und vernetzter Systeme und spricht damit ein breites Spektrum von Projekten, Kunstwerken, Programmen, Initiativen und Phänomenen an, in denen soziale und künstlerische Innovation gewissermaßen in Echtzeit stattfindet. […] Digital Communities setzen sich für eine umfassende menschliche Entwicklung ein, zu der auch die Neugestaltung des Machtgefüges zwischen BürgerInnen und Politik, Staat, Verwaltung und Wirtschaft im Sinne von größerer Teilhabe, einer Stärkung der Rolle des zivilen Sektors und der Gestaltung lebendiger Demokratie gehören.” https://www.aec.at/prix/kategorien/digital-communities/

Seize the power that technology provides and wield it thoughtfully.
(Banerjee/Fischer-Schreiber 2014, 51)

Eine Digital Community ist eine neue Form von Gemeinschaft, die noch nicht ausgiebig untersucht wurde – nicht zuletzt aufgrund ihrer Komplexität und ihrer ständig verändernden Form. Die heutigen Digital Communities sind eine wachsende Kraft im Stadtmachen geworden. Neben dem “tactical urbanism” und dem “Smart City” -Diskurs werden diese neuen, eine gemeinsame Aufgabe verfolgenden, real-virtuellen Formen von Gemeinschaften zunehmend zu konstitutiven Bestandteilen unseres (urbanen) Alltagslebens. (vgl. Banerjee/Fischer-Schreiber, S. 4f, nach MacFarlane 2014, Townsend 2013)

Ein Projekt das Digital Communities in den Kontext von Stadtentwicklung setzt, ist “Hackable City”  . In dem Forschungsprojekt werden die Möglichkeiten von digitalen Medien zur Stärkung von Bürgern und anderen Akteuren in einem demokratischen Prozess der Stadtentwicklung untersucht. Auch die Verschiebung der Rollen und Beziehungen zwischen Regierungen, (Design-) Fachleuten und BürgerInnen in diesem Prozess ist dabei von Interesse.

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“How can citizens, design professionals, local government institutions and others employ digital media platforms in collaborative processes of urban planning, management and social organization, to contribute to a liveable and resilient city, with a strong social fabric?”
(Ampatzidou u.a.)

Der Begriff des Hacking oder eher des Hacker Ethos stellt sich für die ForscherInnen als brauchbar dar, wenn es um die Sicherung des offenen Charakters unserer Städte geht. Auch, stellen sie heraus, können einige der Werte aus den als “Hacker” bezeichneten Subkulturen helfen über die Gestaltung digitaler Medien Plattformen in der “open city” nachzudenken. (vgl. Ampatzidou u.a. S.19)

“How can new media technologies assist to port the approaches of openness, collaborative learning and cooperation found in various instances of hacker culture – varying from Wikipedia to open source soft- and hardware – to the process of citymaking?” Diese als eine der Forschungsfragen (“Hackable City Research Question 2”) spricht das Teilen von Wissen an. Und führt uns somit zu einem Beispiel in Madrid der “El Campo de Cebada”.

El Campo de Cebada ist eines der 2013 vom Prix Ars Electronica prämierten Projekte. Das auf den ersten Blick vor allem auf einer großen Brache im Zentrum Madrids agierende Projekt, hat auch ein digitales Pendant: über eine digitale Plattform werden die verschieden Aktivitäten aller Akteure gesammelt und dokumentiert. Über diese transparente für alle offene Vernetzung und dem Austausch von Wissen wird der Zugang zum Campo de Cebada möglichst offen gehalten um ad-hoc und im common sense handeln zu können und unterschiedliche Nutzer*innen und Aktivitäten zusammen zu bringen.

 

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“Die Forderung war eigentlich mehr ein Befehl, dieser Krise fest ins Auge zu blicken und ein alternatives urbanes Leben zu entwerfen, das weniger entfremdet, sinnstiftender, spielerischer, dabei aber – wie immer bei Levebvre – auch konfliktreich und dialektisch ist, offen für das Entstehende, für Begegnungen (beängstigender und angenehmer Art) und für das ständige Streben nach bislang unbekanntem Neuen.” (Harvey, S.11)

 

 

 

Titelbild: © El Campo de Cebada

Ampatzidou, Cristina u. a. (2014): The hackable city: a research manifesto and design toolkit, Amsterdam: Knowledge Mile.

Banerjee, Ian 2014: Smart Cities – A contested marketplace for large corporations and small communities. In: Österreichische Ingenieur- und Architekten-Zeitschrift 159 (1): 1-12.

Banerjee, Ian und Ingrid Fischer-Schreiber (Hrsg.) (2014): ARS Electronica Digital Communities – Selected Projects from Prix Ars Electronica.

Coffey, Lewis (2015): „El Campo de Cebada“, https://www.smart-magazine.com/en/community-pool/

Harvey, David (2013): Rebellische Städte: vom Recht auf Stadt zur urbanen Revolution, Berlin: Suhrkamp.

MacFarlane, Colin (2014): Learning the City: Translocal Assemblage and Urban Politics, Oxford

Park, Robert (1967): On Social Control and Collective Behavior, University of Chicago Press.

Townsend, Anthony M. (2013): Smart cities: big data, civic hackers, and the quest for a new utopia, First edition. Aufl., New York London: WWNorton & Company

 

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