Von anderen Räumen

Lost in Transformation_

Ausgehend von den großen Fragen der Gestaltung der digitalen Stadt der Zukunft, fragen wir nach den jetzigen Stellschrauben für diese Entwicklung. Dass dabei auch immer eine “Ethik des Programmierens” vonnöten ist, erinnerte uns schon Sarah Spiekermann . Im Sinne dieser Argumentation (mal mehr, mal weniger explizit) gibt es eine zahlreiche Bewegungen in die Richtung, Digitale Medien und damit verbundene Technologie für kollektive Bewegungen zu nutzen, die jenseits von Marktinteressen eine (urbane) Gesellschaft formen will.  

Eine optimistische Sicht auf die Möglichkeiten eines “Empowerments” durch digitale Medien und die Räume, die durch diese Entstehen, gibt Hanno Rauterberg in seinem Buch “Wir sind die Stadt – Urbanes Leben in der Digitalmoderne” (2013, suhrkamp Verlag). Digitale Räume, die durch die digitalen Medien wie soziale Netzwerke entstehen, sind eng verwoben mit dem physischen Raum. Seiner Argumentation nach ersetzen sie keinesfalls das Handeln in der nicht virtuellen “realen” Welt – ergänzt dieses eher. Er betrachtet Phänomene wie Urban Gardening, Flashmobs und Proteste wie Occupy, die die digitalen Medien erst hervorgebracht oder gefördert hätten.

“In today’s world where public spaces and physical cultural spaces no longer retain their function as dominant social space, digital media plays important roles in nurturing daily sociality where concrete and abstract relationships, strong and weak ties, are formed.” (Lim, S.55)

Während Rauterberg in seinem Werk recht verallgemeinernd, teilweise sogar plakativ bleibt, geht bspw. Merlyna Lim (Canada Research Chair in Digital Media and Global Network Society an der “School of Journalism and Communication” der Carleton Universität) einen Schritt weiter. Sie forscht zu den gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologie, insbesondere den digitalen Medien und Informationstechnologie. Innerhalb dessen untersucht sie genau die auch von Rauterberg erwähnten Phänomene und setzt die (digitalen) Sozialen Bewegungen explizit in einen Kontext zwischen digitalem, physischen und sozialen Raum.

Dafür, räumt sie ein, müsse man sich zunächst bewusst werden, dass sozialer Raum, wie er in den sozialen Medien produziert wird, ebenfalls innerhalb neoliberaler Logiken des Kapitalismus funktioniert. Soziale Medien, wie Facebook, sind nicht von den Marktkräften befreit – sie sind sogar der inbegriff digitaler Ökonomien, die die Nutzer*innen, ausbeutet. Statt eine wirkliche Gegenüberstellung von Zivilem und Kommerziellem zu bilden, stellen sie eher eher pseudo-heterotopie des Konsums dar (Foucault, 1986). Allerdings sind für die urbane Mittelklasse (wie Lim sie bezeichnet) diese Netzwerke die Orte an denen sie in die alltägliche Sozialisation eintauchen – um sich auszudrücken, miteinander zu interagieren, zu flirten, zu spielen und spaß zu haben, nichts was als Teil von zivilem Engagement eingestuft wird. Und doch, so Lim, seien diese sozialen Handlungen gewissermaßen politisch. Und zwar indem diese neuen sozialen Netzwerke eine Kultur ermöglichen und verstärken, die dazu beiträgt, eine Grundlage, einen Übungsplatz und einen Lernraum für Individuen zu schaffen, um ihre Meinung zu äußern, ihre Rechte zu erproben und mit anderen zu kollaborieren. Diese Kultur der Teilhabe kann für ziviles Engagement eingesetzt werden und gar für eine sinnvolle Teilnahme an Sozialer Bewegung genutzt werden. Beispielsweise waren viele der Protestierenden des “Arabischen Frühlings” keine politischen Aktivist*innen von Anfang an – sie sind ursprünglich aus anderen Gründen den Sozialen Medien beigetreten. (vgl. Lim, 56)

Die Autorin ist gleichzeitig Gründerin des ALiGN Netzwerkes  (Alternative Global Network Media Lab). Dieses Netzwerk will Initiativen und Gruppen unterstützen für ihre Angelegenheit zu mobilisieren und ihre Geschichten zu generieren um alternative Narrative zu schaffen für Hoffnung und Widerstand. Sie benutzen dafür digitale Medien und Technik um so marginalisierten Gruppen oder einfach zivilem Engagement eine Stimme zu geben.

Nija-Maria Linke, Leonard Suttner, Hannah Niemand, Christopher Bindig

Banerjee, Ian 2014: Smart Cities – A contested marketplace for large corporations and small communities. In: Österreichische Ingenieur- und Architekten-Zeitschrift 159 (1): 1-12.

Foucault, Michel (1986): „Of other spaces“, diacritics 16/1, S. 22–27.

Lim, Merlyna (2014): „Seeing spatially: people, networks and movements in digital and urban spaces“, International Development Planning Review 36/1, S. 51–72.

Coverphoto: https://www.madamasr.com/wp-content/uploads/2016/09/2011_Egyptian_protests_Facebook__jan25_card.jpg

 

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