Mit gepackten Koffern

hands on // in Zeiten der Krise

Abschluss der Expedition

Die Expedition steht kurz vor ihrem Ende. Wir nutzen die Zeit der letzten Tage, um die Expedition Revue passieren zu lassen und den für uns wichtigen Orten einen letzten Besuch vor der Abreise abzustatten.

Unser Koffer voller Fragen ist erheblich gewachsen und fast am überquellen. Es ist uns geglückt, durch die Selbsterfahrung, im Format der Expedition, in das Dickicht Athens vorzudringen. Wir verspüren den Wunsch wiederzukommen, die Forschung und das Thema auf andere Art fortzuführen und den forschenden Blick auch in Wien weiterzutragen. Das ist ein gutes Gefühl.

 

Das Format der Expedition, das Vertrauen auf eigene Erfahrungen ohne eine Anleitung der Erkundung, nimmt  uns den Filter unserer Wahrnehmung des Bekannten und wirkt sich auf unser Bewusstsein aus. Die Stadt ist voll da, intensiv und roh.

 

Wir besuchen noch einmal den Victoria Square. Er ist heute anders, als bei unserem ersten Besuch. Leerer und weniger durchmischt wirkt er. Beim ersten Mal waren wir fasziniert von der vielfältigen Nutzung durch die Anwohner*innen, die mehrheitlich aus dem City Plaza Hotel stammen, wie uns später bestätigt werden sollte. Kinder wie Alte, Männer wie Frauen, nutzten alle nach ihren Bedürfnissen neben- und miteinander den Platz.

Bei dem heutigen Besuch stehen kleine Gruppen junger Männer im Schatten unter den Bäumen, die den Platz säumen. Die Hitze ist drückend – der Platz scheint stillzustehen.

Die andere Erscheinung des Platzes führen wir auf die Uhrzeit unseres Besuches zurück – aus der Erfahrung im Community Center Khora und aus den späteren Erzählungen im City Plaza Hotel gibt es tagsüber in den Kulturzentren viele Aktivitäten und Bildungsmöglichkeiten. Zudem zieht die direkte Sonneneinstrahlung auf den Platz weniger Menschen an, als die Kühle der Dämmerung wenn die Sonne, hinter den Gebäuden die den Platz umringen, langsam verschwindet.

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Im Anschluss erhalten wir heute einen kleinen Rundgang mit einer freiwilligen Helferin im City Plaza Hotel. Wir sind beeindruckt von dem Gegenentwurf zu den bestehenden Formen von Geflüchtetenunterkünften. Ein weiterer Ort, der von den Idealen und der Kraft des Aktivismus der Beteiligten lebt und ein Zeichen setzt.

In der Nähe des City Plaza Hotels ist der Sitz der Partei der Goldene Morgenröte, die Nachbarschaft ist durchmischt, jedoch hatten Rechtsradikale hier das Sagen wie uns berichtet wird. Daher sei das City Plaza Hotel mit seinen Bewohner*innen ein von der Stadtverwaltung gern gesehener Kontrast, der die Stimmung des Quartiers verändere.

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Wir begeben uns zu Fuß zum zweitgrößten öffentlichen Park Athens, Pedion Areos. Der Park ist umzäunt – wir begehen ihn durch einen Eingang auf einem schmalen Pfad, der durch ein bewaldetes Stück auf einen Platz zuführt. Links und rechts von uns sind Lager aufgeschlagen – offensichtlich Obdachlose und Drogenkonsument*innen haben sich hier niedergelassen. Nach wenigen Schritten drehen wir um – zu unbehaglich und mulmig ist das Gefühl in der Umgebung, die wir nicht einschätzen können.

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Wir gehen entlang der Mauer außen um den Park herum und finden einen weiteren Eingang. Dort bietet sich ein anderes Bild – der Park ist üppig bepflanzt, für breite Rad- und Fußweg-Allen wurden helle hochwertige Naturpflastersteine, es gibt Marmorstatuen und Rosenpflanzungen. Es gibt viele Bänke und einige Wasserspiele. Man sieht viele Jogger*innen, Spaziergänger*innen und Hundeausführer*innen. Wir unterhalten uns mit einem Mann, der gerade mit seinem Hund unterwegs ist. “Nach 20 Uhr gehe ich nicht mehr in den Park – das ist unsicher. Bei Dunkelheit wird der Park von Drogenabhängigen, Obdachlosen und männlicher Prostitution dominiert. Kein schöner Ort.” Er ist Mitglied einer Nachbarschafts-Organisation, die sich für ein Einschreiten der Stadtverwaltung stark macht. Vergebens, wie er meint, die Stadt habe Teile des Parks aufgeben.

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Auf dem Weg nach Exarchia, wo wir verabredet sind, gehen wir in das Cafe gegenüber des Parks für eine Stärkung – dort treffen wir Elina Konstantopoulou. Sie trat ehemals für den Eurovision Song Contest 1995 an. Nun führe sie dieses Café, erzählt sie uns bei einem Fredo Cappuchino. Ein Problem sei das mit den vielen Obdachlosen und Drogenabhängigen an diesem Standort schon, aber sie komme gut klar. In den Park hinein gehen würde sie aber auf keinen Fall, das sei einfach extrem gefährlich, vor allem sobald es dunkel werde.

Mal wieder gewinnen wir den Eindruck, dass Athen eine Stadt der Kontraste ist, wie sie stärker fast nicht sein könnten. Der verwahrloste Parkabschnitt mit Drogenhandel und Prostitution steht dem Bild des edlen Parks gegenüber, der von den Stadtgärtner*innen gepflegt und gehegt wird. Und daneben verkauft die kleine Athener Berühmtheit ihre Backwaren an Passanten und Junkies..

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Demonstration.

Am Abend des 16.9. suchen wir den Syntagma Platz auf. Hier wird eine Demonstration stattfinden, die in den letzten beiden Wochen groß angekündigt worden war und mehrere tausend Menschen anzieht. Wir wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mehr über Athens gelebte Demokratie im öffentlichen Raum zu erfahren.

Die über mehrere Monate andauernde Besetzung und Selbstverwaltung des Platzes in den vergangenen Jahren veränderte die Sicht einiger Menschen auf den Platz. Es prägte auch unseren Blick aus Wien auf den Platz. Die Recherche ergab, dass Syntagma als Platz von Demonstrationen gegen die Krise für viele Athener*innen eine Bedeutung über seine Funktion als Verkehrsknotenpunkt und repräsentativer Platz vor dem Parlament hinausgehend erlangt hat.  Aneignungen von öffentlichen Räumen, als Ausgangspunkt unserer Forschungsexpedition, fand auf dem Syntagma Platz vielleicht seine am einfachsten aufzufindende Ausprägung. Schon an unserem ersten Tag sahen wir einen Informationsstand, der auf die Demonstration Mitte September aufmerksam machte.

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Der Platz füllt sich immer stärker mit Menschen, die für die Demonstration kommen. Der Anlass der Versammlung war die Ermordung eines politisch aktiven, griechischen Musikers durch Mitglieder der faschistischen Partei Chrysi Avgi (goldene Morgenröte) vor vier Jahren, sowie die Kritik der Demonstrant*innen daran, dass die Täter*innen noch nicht im Gefängnis sind. Auch die Ermordung von Heather Heyer durch einen Rechtsradikalen in den USA vor einigen Wochen wird thematisiert. Die Sprüche und Parolen können wir nicht auf Anhieb verstehen. Die Menschen in unserer Umgebung bemühen sich aber, sie uns zu übersetzen. Die Demonstration bietet Gelegenheiten, uns mit anderen Demonstrant*innen zu unterhalten. Zufällig treffen wir alte und neue Bekannte der vergangenen Tage wieder. Mit den Athener*innen zusammen demonstrieren wir gegen Rassismus. Während wir mit der Demonstration laufen, nehmen wir die Stadt nochmal aus einer ganz anderen Perspektive war.

Das Ziel der Demonstration ist das Parteigebäude der “goldenen Morgenröte”, die Polizei wird den Zug aber nicht passieren lassen, wird uns gesagt. Die Stadt verschwimmt in der Menge, die Orte die uns vorher noch bekannt vorkamen, erinnern nur noch durch ihre physische Gestalt an die vergangenen Tage – wir laufen weiter und verlieren vollkommen die Orientierung.

Als die Polizei den Zug stoppt, entsteht Bewegung in der Menge. Die Demonstration wechselt die Richtung und es geht zurück. Tränengas liegt in der Luft. Wir verlassen die sich bewegende Masse. Aus der Ferne sehen wir wie eine Molotowcocktail in Richtung der die Demonstranten vertreibenden Polizei geworfen wird.

In der U-Bahn sehen wir viele Mit-Demonstrant*innen wieder – die Demo ist zu Ende. Wir gehen zurück in das Stadtzentrum.

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