Kontrovers

Wir sitzen auf Place Bossuet „der Rückzugsort“ und Place Houweart „der Diskussionort“ die Menschen gehen von einem zum anderen und wieder zurück. Place Bossuet, welcher 100 m von Place Houweart liegt ist größer, grüner und witterungsgeschützter, dennoch ist der Aufenthalt an diesen Platz kürzer. Dieser wirkt mehr als ein Rückzugsort, wie ein erweitertes Wohnzimmer. Viele kommen hierher um privatere Gespräche zu führen bzw. allein zu sein. Im Gegensatz zu Place Houweart, an den sechs Straßen enden oder beginnen. Er beinhaltet zwei Fleischern, zwei Friseure, drei Cafés, zwei Supermärkte, zwei Bäckereien und eine Sportwettenbar in gefühlt 50 m² Er wirkt wie ein Ort an dem man in großer Runde diskutiert. Direkt neben dem Place Houweart befindet sich das Hotel del la commune in dem wir uns mit Zaineb treffen

Eine Frau, welche mit allen Mitteln versucht die Kulturen zu vereinen. Sie organisiert einen indisch-türkischer Tanz, ein chinesisch-marokkanisches Essen, einen flämisch-arabischen Spielenachmittag, eine französische Diskussion über syrisch-kongolesische Bräuche und dazu wird ein monoglisch-amerikanischer Shake serviert. Zaineb, eine iranisch-belgische Frau, welche durch die Straßen von St. Josse geht und die Menge aufwirbelt und vereint. Sie selbst ist vor 11 Jahren nach Saint Josse gekommen um innerhalb weniger Jahre ein ganzes Netzwerk der Integration zu schaffen. Ein Applaus für St. Josse von ihr.

15 min später befinden wir uns in einer ganz anderen Welt. In einem Haus mit Flüchtlingen ohne Dokumente, ohne eine Aussicht auf Asyl oder nur ein Bleiberecht. In einem Haus mit ca. 200 m² leben 150 Menschen aus Kongo, Ghana, Sierra Leone… mit verschiedenen Religionen, verschiedenen Sprachen und verschiedenen Lebensvorstellungen, jedoch mit der gleichen Aussicht und zwar keiner. Sie bekommen keinerlei staatliche Unterstützung und sind komplett selbstorganisiert. Die Gastfreundlichkeit, welche wir dort erleben ist erst skeptisch später jedoch offen und herzlich und wir werden sogar zum Essen eingeladen. Im Gegensatz zu der EU, welche ihnen den Stuhl am Tisch wegzieht. „Willkommen in Europa“

Mit einem erdrückendem Gefühl und einer langen Busfahrt später treffen wir uns mit Tao, einer Vietnamesin, welche seit einem Jahr in Belgien wohnt. Sie lädt uns an ihren Tisch ein und sie kocht uns Essen aus ihrer Heimat. Mit einem Lächeln erzählt sie uns ihre Geschichte. Mit Rotwein und Banana banh beenden wir den Abend und machen uns auf den Weg nach Hause.

Ein kontroverser Tag geht zu Ende mit dem Gefühl, der Platz am Tisch wird willkürlich verlost.

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