Roma Stil

Der vierte Tag begann mit einem Treffen mit einer der Schlüsselfiguren unseres Trips. Ljatife – selbst auch Roma – setzt sich seit über 20 Jahren für die Rechte und für bessere Chancen von Roma in Šuto Orizari und aber auch in ganz Mazedonien ein. Man merkt ihr den Kämpfergeist sofort an. Im Schatten der größten mazedonisch-orthodoxen Kirche erzählte sie uns von ihrer Arbeit für die Organisation Ambrela, ihren Zielen und Visionen, die sie in Bezug auf ein besseres Leben für die Roma hat. Zum Thema Straßenmusik erzählte sie uns, dass speziell die Roma in Mazedonien nicht klassische Straßenmusik, um damit Geld zu verdienen, betreiben. Die Roma, die laut ihrer Aussage generell musikalisch sehr talentiert seien, finden sich als MusikerInnen schnell auf einer professionellen Ebene wieder. Entweder als Formation bei Hochzeiten oder als überregional populäre Bands haben diese ein gutes Auskommen. Prinzipiell ist Straßenmusik als Gelderwerb aber nicht negativ besetzt und Ljatife erzählte uns, dass es für Roma auch oft üblich ist auf der Straße zu musizieren. Besonders aus anderen Ländern, in denen Roma leben, kennt sie dieses Phänomen.

Nach dem 1-stündigen Gespräch mit Ljatife machten wir uns – wie schon die Tage zuvor – auf den Weg nach Šuto Orizari. Bei den Gesprächen wurde die angespannte finanzielle Situation und die fehlende Unterstützung seitens des Staates immer zum Thema. Die meisten Menschen, mit denen wir geredet haben, haben vor, ins Ausland – “nach Europa” – zu ziehen. Eine interessante Szene war die Errichtung eines Wohnhauses, bei dem das Baumaterial nicht nur für das Gebäude verwendet wurde, sondern auch zur Ausbesserung eines Schlaglochs auf der Straße.

Nach ein paar Gesprächen und Ratschlägen, dass wir in gewissen Vierteln auf unsere Wertsachen auf jeden Fall aufpassen sollen, landeten wir vor dem Gemeindeamt, in dem der Bürgermeister gerade aus dem Gebäude eskortiert und weggefahren wurde. Auf Ratschlag seines Bodyguards machten wir uns auf die Suche nach Daniel Petrovski, einem Volksschullehrer, Cafébesitzer, Buchautor und rechte Hand des Bürgermeisters, um ihn beim Café “Roma Stil” auf der Hauptstraße zu treffen. Nach einigen Telefonaten durch einen freundlichen Marktverkäufer, der uns mit ihm in Verbindung setzen wollte, landeten wir bei Hasan, der für uns das Café aufsperrte. Nachdem er uns reingelassen hatte, schaltete er den Fernseher auf einen Popmusikkanal in voller Lautstärke, um mit uns eine halbe Stunde zu warten, bis Daniel voraussichtlich kommen sollte. Aus dieser halben Stunde wurden dann schlussendlich drei, währenddessen haben wir von Hasan erfahren, dass er aus der Vojvodina, aus der Stadt Subotica stammt und nach Šutka geheiratet hatte, sowie dass seine Tochter in Melbourne lebt und er vorhat, sie im Winter zu besuchen. Obwohl er außer Serbisch und Mazedonisch keine anderen Sprachen beherrscht, brachte er uns ein Englischwörterbuch und erklärte uns die Zahlen von eins bis zehn, die Wochentage, die Monate, sowie die Wörter “Milch” und “Käse”.

Daniel ist nach diesen drei Stunden auch nicht aufgetaucht, allerdings haben wir es geschafft für morgen Nachmittag einen Interviewtermin auszumachen. Die Hochzeit hatte, wie gestern Abend auch heute nicht gefehlt. Diesmal fand sie auf einem kleinen Platz statt, mit einer Liveband, die wieder die ganze Siedlung mit Musik beschallte, sowie mit Extras, wie einem Ballonverkäufer und einer Popcornmaschine.

Schreibe deinen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*
*