Hau ab! (aber nimm diese 2 Liter Fanta als Geschenk mit)

Heute haben wir nun im Cafe Roma Stil Daniel Petrovski getroffen. Er ist Volksschullehrer und Ethnograf. Sein erstes Buch erschien diesen März und handelt von Hochzeiten in der Roma-Community. Im Gespräch erzählte er viel über das Thema und dass es üblich ist mehrere tausend, teilweise auch zehntausend, Euro für eine Hochzeit auszugeben. Vor allem im Juli und August finden bei schönem Wetter diese Events statt, zum einen damit auch die im Ausland lebenden Verwandten dabei sein können und zum anderen weil es in dieser Zeit draußen angenehm warm ist. Er erzählte uns auch viel über den Aufbau der Community. Die EinwohnerInnen sind sehr heterogen, die meisten Muslime, es gibt aber auch sehr viele orthodoxe Christen und Zeugen Jehovas. Trotzdem haben sie ein sehr starkes Gemeinschaftsgefühl und es ist üblich, Ehen zwischen diesen Religionen abzuschließen. Für die Roma ist das Leben in einem heterogenen Umfeld normal und Daniel erzählte uns auch, dass sie traditionelle Regeln für das Zusammenleben haben und einander respektieren. Ein weiterer wichtiger Themenpunkt war das Image der Roma und von Šutka, das leider sehr oft stereotypisch ist. Als Beispiel nannte er den Film “The Šutka Book of Records”, wo die Siedlung als eine Art kurioses Ghetto porträtiert wird. Die meisten BewohnerInnen möchten einfach nur ein normales Leben in ihrer Umgebung führen, ohne dass sie durch irgendwelche Touristen oder Kamerateams belästigt werden, die oft nur dazu beitragen, die Stereotypen der Roma zu verstärken. Aus diesem Grund werden Fremde teilweise skeptisch beäugt. Das haben wir haben in den bisherigen Tagen auch häufiger zu spüren bekommen, dennoch sind die meisten Menschen ausgesprochen nett, freundlich und hilfsbereit.

Nach dem Gespräch hatten wir ein ganz kurioses Erlebnis in einer Nebengasse. Dort saßen ein paar Männer auf Plastikstühlen vor ihrem Haus mit einer riesigen Musikbox, mit der sie die ganze Umgebung mit Lieder aus ihrem Handy beschallten. Wir sind mit ihnen kurz ins Reden gekommen. Einer von ihnen wollte auch ein Foto haben, ein anderer Mann wollte das aber ausgesprochen nicht und weil er neben sich am Boden eine kleine Pistole liegen hatte, beschlossen wir, die Kamera lieber wegzustecken. Der Mann sagte auf deutsch “Hau ab!”, hat uns aber gleich anschließend gebeten, kurz zu warten. Er kam mit einer 2-Liter-Flasche Fanta aus dem Haus zurück und drückte sie uns in die Hand.

Wieder zurück an der Hauptstraße sahen wir, dass dort gerade die Vorbereitungen für eine Hochzeit stattfanden, die in Kürze starten sollte. Wir kamen mit dem Veranstalter Erwin ins Gespräch. Er erzählte uns, dass die Hochzeitsband aus Musikern aus Šutka besteht. Die Roma würden mit der Musik aufwachsen und seien daher sehr talentierte und gute Musiker. Weiter erzählte er uns auch, dass halb Šutka – wie er selbst auch – deutsch redet, im Gegensatz zu Skopje, wo die meisten nur Englisch reden können, falls sie überhaupt eine zweite Sprache beherrschen. Er selbst redete mit uns auch auf Deutsch, weil er während des Jugoslawienkriegs ein paar Jahre in Deutschland gelebt hatte. Am Gebäudezustand und der Höhe des Hauses sehe man, erklärte Erwin uns, ob die Familie im Ausland lebe und arbeite, und nur in den Ferien zu Besuch käme oder hier lebe. Vor allem die Neubauten seien von “Gastarbeitern” finanziert. Die prekäre finanzielle Lage kam auch in diesem Gespräch wieder zur Sprache, dass trotz guter Ausbildung, viele Roma keinen Job bekämen oder nur schlecht bezahlte. Weiters erklärte er uns, wie auch unsere bisherigen InterviewpartnerInnen, dass die Roma in Mazedonien anders seien, als die, die in Serbien, in Rumänien oder anderen Ländern Europas lebenden. Die meisten haben deswegen auch eine Abneigung gegenüber den Begriff “Zigeuner”, sie bezeichnen sich selber als “Roma” und sind auch sehr stolz darauf.

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